Joel Schwarz

 

Weisung für die Menschheit

 

Von der Bedeutung des menschlichen Lebens

 

Übersetzung:

 

Martin Kühlmann in Zusammenarbeit mit Michael Zank und Klaus Müller

 

Jerusalem Academy Publications

 

Inhaltsverzeichnis:

 

Einführung

 

Kapitel I

Der Mensch – ewig auf der Suche nach einem Weg

 

Kapitel II

Die Bestimmung unseres Lebens in dieser Welt

 

Kapitel III

Die geistigen Eigenschaften, die dem Menschen in die Seele geprägt sind

  1. Ist der Glaube dem Menschen in die Seele geprägt?
  2. Ist das Streben nach dem Guten dem Menschen in die Seele geprägt?

 

Kapitel IV

Die sieben Gebote der Nachkommen Noahs

  1. Einführung
  2. Die Bedeutung der Weisung
  3. Die sieben Gebote der noachitischen Tora

 

Kapitel V

Grundsätze die dem Menschen auferlegt sind

  1. Glauben
  2. Entwicklung der Welt

a)     Das Bauen einer Lebensgemeinschaft

b)     „Die Welt wird durch Liebe erbaut“ (Psalm 89,3)

c)      Die Heiligkeit des menschlichen Lebens

d)     Die Bedeutung der Rechte des Menschen

e)     Gerichte und Rechtspflege

f)        Wahrung der sittlichen Grenzen

  1. Gute Eigenschaften

 

Kapitel VI

Einzelheiten der noachitischen Gesetze

  1. Das Verbot des Götzendienstes
  2. Das Verbot der Unzucht
  3. Das Verbot der Tötung von Menschenleben
  4. Das Verbot eines Gliedes vom lebenden Tier
  5. Das Verbot der Gotteslästerung
  6. Das Verbot des Diebstahls
  7. Das Gebot der Rechtspflege
  8. Das Verbot der Schabbatruhe und der Schabbat der Noachiten
  9. Gebet
  10. Barmherzigkeit und Almosen
  11. Das Verbot des Meineides

 

Kapitel VII

Die Auffassung der Tora von dieser Welt und von der kommenden Welt

 

 

Einführung

 

Dieses Buch soll die Bedeutung des menschlichen Lebens erhellen; es soll dem Menschen helfen, sein Leben recht zu nutzen und zu wahrem Reichtum zu gelangen. Es stützt sich dabei im selben Maße auf Zitate aus der Heiligen Schrift, dem Talmud und der übrigen jüdischen Traditionsliteratur, wie auf  Worte von Philosophen und Psychologen unserer Tage.

 

Dieses Buch will auf einen Teil der göttlichen Weisung aufmerksam machen, der noch nicht bekannt genug ist: die Weisung für die Nachkommen Noahs. Diese ist nicht zu verwechseln mit der Weisung für das Volk Israel, das priesterliche Volk; auch geht es keinesfalls um den Versuch, Nichtjuden zu Juden zu machen. Sie ist vielmehr allgemeine Weisung für die gesamte Menschheit. Deshalb ist mit diesem Buch die Hoffnung verbunden, dass Sie, lieber Leser, zu einer neuen Anschauung darüber gelangen, was die Bedeutung des Glaubens und Ihres Lebens in dieser Welt ist. Wenn uns dies gelingt, hat sich unsere Mühe gelohnt.

 

 

Kapitel I:   Der Mensch - ewig auf der Suche nach einem Weg

 

„Die Grundlage der Frömmigkeit und die Wurzel des lauteren Gottesdienstes sind, dem Menschen zu zeigen, was seine Pflicht auf dieser Welt ist, und worauf er seine Aufmerksamkeit und sein Trachten richten soll in allem, worin er sich müht.“ (Mosche Chaim Luzzato, Pfad der Aufrechten, Kap. 1)

 

Der Mensch unterscheidet sich von Natur aus von allen anderen Lebewesen dadurch, dass er immer etwas sucht, so, als fehle ihm etwas. Die übrigen Lebewesen ruhen, sobald ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigt sind und solange sie von äußeren Einflüssen ungestört bleiben. Deswegen ist es in Tiergärten üblich, nicht bis zur Sättigung zu füttern, damit die Besucher die Tiere überhaupt zu Gesicht bekommen. Sie würden sich sonst nämlich faul zurückziehen, während sie so auf der Suche nach Futter im Gehege umherstreifen.

 

Die Menschen dagegen ruhen niemals träge, auch wenn ihre körperlichen Bedürfnisse befriedigt sind und nichts sie stört. In ihrem Innern fühlen sie etwas, das sie umtreibt und eine Antwort auf die Frage suchen lässt, was das Leben sei und wozu man lebe.

 

Man kann die Suche nach der Antwort auf die genannte Frage in demonstrativer Weise betreiben, so wie es der große griechische Philosoph Sokrates tat, der durch die Straßen Athens zog, jeden Bürger anhielt und jedem dieselbe Frage stellte: „Wie soll man leben?“ Sein Leben lang ließ er nicht ab, diese Frage jedem, der ihm über den Weg lief, zu stellen. Einmal erschien er gar am helllichten Tage mit einer brennenden Laterne auf dem Markt und – gefragt, was er denn wohl suche, antwortete er: „Einen Menschen suche ich!“

 

Andere suchen Sinn, indem sie lernen, lesen, nachdenken. Selbst diejenigen, die ein solches Suchen nicht eingestehen, empfinden ein bohrendes Gefühl, das danach verlangt, den Sinn des Lebens zu verstehen. König Salomo sagt im Buch des Predigers (6,7): „Die Seele wird nicht erfüllt.“ Der Mensch fühlt immer einen Mangel, weil in ihm etwas Geistiges existiert, das nach echter geistiger Befriedigung hungert.

 

Der Midrasch (Kohelet Rabba, Parascha 6) beleuchtet dies mit einem Gleichnis: „Es verhält sich gleich einem Bürger, der eine Königstochter heiratete: Auch wenn er ihr alle Kostbarkeiten der Welt herbeibrächte, ist er doch nichts für sie. Weshalb? – Weil sie von den Oberen ist!“

 

Dr. Viktor E. Frankl, der bekannte Wiener Psychologe, hat die seelische Antriebskraft des Menschen untersucht. Er kommt zu dem Schluss, dass es die Suche nach dem Sinn des Lebens sei, was den Menschen antreibe. Und wenn dem Menschen der Sinn seines Lebens nicht einsichtig sei, dann stelle dies eine schwere Störung der seelischen Gesundheit dar. So beschreibt er in seinem Buch „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn“ das Phänomen der „Sonntagsneurose“ (Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Auswahl. München 1979, S. 17): Gerade am arbeitsfreien Tag fielen die Menschen besonders in Depressionen, weil sie die Inhaltsleere ihres Lebens spürten. Es komme, so sagt Frankl, zu Selbstmorden oder auch zu Erscheinungen wie Trunksucht und Kriminalität. In den Krisensituationen, die Rentner und Pensionäre durchmachten, deute sich dasselbe Problem eines sinnentleerten Daseins an.

 

Auch aufgrund seiner Erfahrungen in einem Arbeitslager während des zweiten Weltkrieges kommt Dr. Frankl zu dem Schluss, dass der stärkste Antrieb des Menschen die Suche nach Lebenssinn sei. Sobald der Mensch ihn finde, werde sein Leben gehaltvoll. Dies führe ihn zur Erfüllung, selbst wenn er mit Schwierigkeiten fertig zu werden habe.

 

Die Weisen Israels sagten: „Wenn du nur Brot mit Salz zu essen und Wasser zu trinken hast, auf dem Boden schlafen musst und dein Leben voller Not ist, du dich aber um die Torah mühst, so wird dein Leben ein wirkliches Ziel besitzen; dann wirst du reich sein in dieser Welt und gut wird es dir gehen in der kommenden Welt.“ (Sprüche der Väter 6,4)

 

Dass die Tradition den Reichtum in dieser Welt betont, und nicht nur den jenseitigen Lohn , zeigt an, dass sie nicht einem Selbstbetrug Vorschub leisten wollte, sondern dass ihre Sicht von einem erfüllten Leben wirklichkeitsnah und erprobt ist.

 

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche sagte: „Wer irgendein ‚Warum’ besitzt, um dessentwillen er lebt, vermag fast alles irgendwie zu ertragen.“

 

Wir wollen uns darum mit diesem Buch bemühen, die wirkliche Bedeutung unseres Lebens zu erfassen, damit wir unser Leben nach diesem Sinn ausrichten und es so in bestmöglicher Weise gestalten können.

 

Das mangelnde Wissen um den Sinn des Lebens führt zu selbstzerstörerischen Auffassungen. So bringt der mittelalterliche arabische Philosoph Al-Rasi einen schrecklichen Lebenspessimismus zum Ausdruck, wenn er den Menschen in seiner irdischen Existenz als von Gott mit einem großen Übel bestraft versteht. Wegen dieses Ausspruchs griff ihn Maimonides heftig an. Dennoch kann dieser Satz lehren, wohin die Enttäuschung am Leben führen kann, wenn man seinen Sinn nicht versteht. Es ist bedauerlich, dass dieser Zustand in weiten Kreisen der Bevölkerung verbreitet ist.

 

Dr. Frankl fasst aufgrund der Fülle seiner therapeutischen Erfahrung jenes Gefühl der Sinnleere im Begriff des existentiellen Vakuums (Viktor E. Frankl, aaO., S. 88 uö.) zusammen. Diese Empfindung der Leere sei ein in zwanzigsten Jahrhundert weit verbreitetes Phänomen. Die Traditionen, auf die sich die Lebensführung stützten, lösten sich, so Frankl, immer schneller auf. Keine Tradition sage dem Menschen mehr, wie er sich zu verhalten habe. In immer größerem Maße werde er fremdbestimmt und verfalle so mehr und mehr dem gesellschaftlichen Gleichschritt. Das existentielle Vakuum spreche aus der Langeweile, die den Psychiatern inzwischen mehr Kopfzerbrechen bereite als Stress und Überbelastung. Diese werde bei wachsender Automatisierung und Technisierung noch zunehmen. Es bleibe uns als Aufgabe, dem Menschen bei seiner Suche nach dem Sinn des Lebens zu helfen und so zum besten aller beizutragen.

 

Wenn wir jemanden fragen: „Was willst du in deinem Leben erreichen?“, so werden wir als Antwort wahrscheinlich erhalten: „Ich will in meinem Leben reich und glücklich sein, und zwar reich an Gesundheit, Einkommen, gesellschaftlicher Stellung, Selbstfindung“. Jeder betont, was ihm am wichtigsten ist. Einige wissen nichts genaues und begnügen sich daher mit einer allgemeinen Definition. Nur wenigen ist bewusst, dass das Geheimnis des Reichtums, des wahren Vergnügens und der echten Freude die Erschließung des Lebenssinnes ist. Der Sinn des Lebens vermittelt dem Menschen das Gefühl, seiner Bestimmung gerecht zu werden. Dies gibt ihm Lebensfreude, wie es auch Rabbi Mosche Chaim Luzzato aufzeigt: „Nach der Tradition der Weisen ist der Mensch geschaffen, um zur geistigen Vollkommenheit zu gelangen, die ihn dem Schöpfer der Welt näher bringt. Das ist wahre und höchste Seligkeit.“ ( Mosche Chaim Luzzato, aaO.)

 

Entsprechend finden wir in unserer Zeit zwei verschiedene Schulen der Seelenforschung: Die Logotherapie, vertreten durch Viktor Frankl, bestimmt das Streben, dem Leben Sinn zu geben, als den entscheidenden Antrieb im Menschen. Demgegenüber sieht ihn die Psychoanalyse Sigmund Freuds im Streben nach Befriedigung.

 

Nach der Überlieferung der Weisen Israels besteht eine Verbindung zwischen dem Bestreben nach Sinn und dem Verlangen nach Befriedigung. Dabei ist die Befriedigung aber nicht materieller, sondern geistiger Art. Sie ist tiefer und wirklichkeitsnäher, da sie auf die tieferen Schichten des Menschen zielt. Wenn sich dem Menschen kein Sinn erschließt, erfährt er viele Enttäuschungen und hat kaum Befriedigung und Freude. Dr. Frankl erkennt etwa im Streben nach Macht und Geld Formen der Kompensation jenes existentiellen Vakuums, jenes Gefühls eines sinnentleerten Daseins.

 

Der wahre Sinn ist also der geistige Sinn, der in der Tat jede Freude am Leben begleitet, wie im folgenden gezeigt werden soll.

 

 

Kapitel II:   Die Bestimmung unseres Lebens in dieser Welt

 

„Alles Geschaffene habe ich um meines Namens und meiner Ehre willen geschaffen und gebildet.“ (Jes. 43, 6). „Der Mensch ist zu nichts anderem geschaffen, als sich im HERRN zu freuen und am Glanz seiner Nähe sich zu ergötzen, denn dies ist die wahre Seligkeit und die Freude, die alle erdenklichen anderen Freuden übersteigt.“ (Mosche Chaim Luzatto, aao.) „Mühst du dich um die Torah, so bist du reich in dieser Welt und in der kommenden Welt wird es dir gut gehen.“ (Sprüche der Väter 6, 4).

 

Das Leben des Menschen verläuft auf zwei Ebenen: Das irdische Leben in dieser Welt, und danach das Leben der vom Körper getrennten Seele. Um ein wenig von der Bedeutung eines körperlosen Daseins zu verstehen, ist ein Blick in die Untersuchungen hilfreich, die Dr. Moody vorgelegt hat. Er beschäftigt sich mit der Befragung von klinisch Toten, die wie durch ein Wunder ins Leben zurückkehrten. Wir werden uns aber in unserem Buch nur mit dem irdischen Bereich unseres Lebens befassen, der nach der Definition der Weisen Israels „Vorhalle zum Festsaal“ (Sprüche der Väter 4, 16 – vgl. unten Kap. 7) ist. In ihr bereitet sich der Mensch vor auf den Eintritt in den Festsaal. Dieser ist die Hauptsache, und dennoch befassen wir uns mit dieser Welt des Tuns.

 

Alles, was uns wirkliche Freude und Befriedigung für unser Leben in dieser Welt bringt, hat ein geistiges Moment – um wieviel mehr gilt dies für unser Leben in der kommenden Welt. Diese geistige Dimension ist in jedem Falle die Hauptsache.  

 

Es gibt drei Arten des menschlichen Genießens:

a)     Befriedigung

b)     Zufriedenheit

c)      Freude (Seligkeit)

 

Befriedigung ist alles Vergnügen, das aus der Erfüllung der Körperlichen Bedürfnisse entspringt, wie Schlaf, Körperpflege, Sexualität. Sie ist also körperlicher Art.

 

Zufriedenheit ist ein Gefühl, das sich einstellt, wenn der Mensch etwas getan hat, das ihm oder anderen hilft; etwa die erfolgreiche Bewerbung um einen Arbeitsplatz, der Erwerb einer Wohnung oder sonstigen unabdingbaren Besitzes. Sie ist ein verstandesmäßiger Genuss, da sie nicht gebunden ist an die unmittelbare Befriedigung von körperlichen Bedürfnissen.

 

Freude oder Seligkeit ist ein Genießen, das den Menschen erfüllt. Die Erfahrung, die die Seele des Menschen sättigt, wird in der Schrift Freude genannt: „Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen. Ihr Gerechten, freut euch des HERRN und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!“ (Ps. 97, 11 – 12). Freude kommt zum Menschen also durch ein erfülltes geistiges Leben.

 

Diese Möglichkeit zu einer tiefen Erfahrung der Feude ist es, die Mensch und Tier voneinander unterscheidet. Traurigsein und Frohsein, Lieben und Hassen, Sympathie und Neid finden sich bei allen Lebewesen – nicht aber diese Erfahrung. Die Psychologie spricht von einem Hunger nach solch tiefem Erfahren und weiß auch von den mannigfachen Versuchen der Menschen, diesen Hunger zu stillen.

 

Durch die Hinwendung zu allen erdenklichen körperlichen Vergnügungen, durch den übertriebenen Kult der Ansprüche und des Konsums lässt sich das Verlangen nach jener Erfahrung der Freude nicht erfüllen. Es bleibt das Unterscheidende zwischen Mensch und Tier, bleibt eine Dimension der menschlichen Seele.

 

Die erwähnten drei Arten des Genießens ähneln der Einteilung, die der Gaon von Wilna in seinem Kommentar zu den Sprüchen Salomos für menschliches Handeln vornimmt:

 

a)     „angenehm“ – das ist die Triebbefriedigung;

b) „nützlich“ – das ist das Tun von Dingen, deren Beständigkeit, die Zufriedenheit genannt wird; und

c) „gut“ – das ist das Tun des wahren Guten, das in der Verwirklichung unserer geistigen Aufgaben besteht, die uns Freude bringen – Erfahrung.

 

Wenn wir die Sache aufmerksam betrachten, sehen wir, dass in jedem Genießen ein geistiges Moment enthalten ist.

 

So sagt der Philosoph Rabbi Bachya Ibn Pakuda in seinem „Lehrbuch der Herzenspflichten“: Wenn der Mensch esse, habe er auch noch Teil an einem darin enthaltenen vollkommeneren, geistigen Vergnügen. Indem er sich um seinen Körper kümmere, ihn nähre, tränke etc., tue er etwas Wichtiges. Die Pflege des Körpers und die Sorge um seine Gesundheit seien auch geistige Pflichten. Denn Gott habe uns unseren Körper anvertraut, damit wir ihn bewahren sollten. (Bachya Ben Joseph Ibn Pakuda, Lehrbuch der Herzenspflichten.) Auch wenn der Mensch ißt, ohne an die Gesundheit und das ihm Aufgegebene zu denken, kommt doch im Unterbewusstsein ein geistiges Vergnügen dazu. Das zeigt sich daran, dass gerade bei allem, wo sich der Mensch allein aufs Vergnügen konzentriert, das Vergnügen ausbleibt.

 

Ein weiteres Beispiel für die Besonderheit des menschlichen Genießens ist die Freude am Schönen. Noch nie haben wir irgendein Tier gesehen, das entzückt gewesen wäre vom Anblick einer Landschaft. Das Vergnügen an der Schönheit der Schöpfung ist geistig und seine Wurzel liegt in der Seele des Menschen.

 

Außerdem lehrt solches Empfinden, wer der war, der diese schöne Schöpfung geschaffen hat. Auch das Vergnügen an einem Kunstwerk, obwohl vom Menschen hervorgebracht, hängt mit der bezeichneten Anerkenntnis der Größe dessen zusammen, der den Menschen und eine so weise Schöpfung geschaffen hat.

 

Psychologen haben darauf hingewiesen, dass dem Menschen trotz aller unterschiedlicher Bewertung dessen, was als schön gelten dürfe, doch ein natürliches Empfinden der Schönheit der unberührten Schöpfung eigen sei. Was wir wahrnehmen in der Gestalt, wie es aus der Hand des Schöpfers hervorging, trifft das seelische Empfinden in uns. Es ruft eine seelische Nähe hervor, die Schönheitsempfindung genannt wird. Es gibt sicherlich keinen objektiven Maßstab dafür, was als schön zu bezeichnen sei. Wenn dieses Empfinden aber völlig subjektiv ist, weshalb gibt es dann nicht ebenso viele Reaktionen wie Menschen auf der Welt? Die Tatsache, dass Menschen aller Nationen, gesellschaftlicher Stellungen und unterschiedlicher Vorbildungen in ihrer Mehrzahl auf die Natur, so wie sie aus der Hand ihres Schöpfers kam, positiv ansprechen, wird durch das Wort der Schrift so erklärt: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde“ (1. Mose 1, 27). In unserem Zusammenhang wird auch dieses schwere Schriftwort verständlich.

 

Dr. Viktor Frankl beschreibt in seinem Bericht über seine Erfahrungen im Konzentrationslager (Viktor E. Frankl, ... Trotzdem Ja zum Leben sagen; ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 1977) eben dieses Schönheitsempfinden, das dem Menschen in die Seele geprägt ist: In dem Maß wie das innere Leben des Gefangenen intensiver werde, entwickele er einen neuen Sinn für die Schönheit der Natur und der Kunst. Durch sie vergesse er sogar für Augenblicke das Bedrängende seines Daseins. Wenn jemand damals ihre Gesichter gesehen hätte, so erzählt Frankl, als sie von Auschwitz zu einem anderen Lager fuhren und die Berge Salzburgs, ihre Gipfel, die in der Abendsonne erstrahlen, durch die kleinen vergitterten Luken der Waggons betrachteten, hätte er nie geglaubt, dass dies die Gesichter von Leuten sein könnten, die keine Hoffnung auf Überleben und Freiheit hatten. Dennoch – oder vielleicht gerade deswegen  - seien die Gefangenen von der Schönheit der Natur bewegt gewesen, die sie so lange hatten entbehren müssen.

 

Versuchen wir, die Welt so zu sehen, wie der Glaubende sie sieht, der sich, wohin auch immer er sich wendet, an der Welt freut und fühlt, dass der Schöpfer ihn beschenkt: Jede Blume, jeden Stern, jede Frucht und jede Empfindung – er erhält alles aus der Hand seines Schöpfers. Jeder Schluck Wasser an einem heißen Tag, jedes Stück Brot für den Hunger erfüllt ihn mit tiefer Dankbarkeit für die Güte dessen, der ihm dies alles bereitet hat. Der, der seinem Schöpfer für diese wunderbare Welt zu danken weiß, sieht in der Schöpfung Gottes Werk. Und wo ist der Winkel, wo er ihn nicht sehen sollte?!

 

Wer die Welt mit den Augen des Glaubens sieht, dem ist die Schöpfung nie wie eine abgenutzte Treppe. Der HERR erneuert in seiner Güte an jedem Tag das Werk seiner Hände, und der Mensch steht jeden Tag vor einer erneuerten Kreatur. Jeder Blick in das Geschaffene gibt die Erfahrung der Schöpfung frei. Der Obstbaum mit seinen Früchten, der Himmel mit seinen Sternen – alles Geschaffene spricht zu ihm und verbindet ihn noch mehr mit seinem Schöpfer, der ihn durch die Kreatur anredet: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und seiner Hände Werk zeigt an das Firnament; ein Tag trägts dem andern zu, und eine Nacht der andern.“ (Ps. 19. 2 ff). Und wir erfreuen uns jedes Augenblicks, freuen uns der Luft zum Atmen, an einem Glas Wasser, am Augenlicht, am Duft der Blume, am Glanz des Blitzes und am Kinderlachen ...

 

Das ist die Welt des Glaubenden, den jede Freude an der Welt noch mehr zur Erkenntnis der Güte seines Schöpfers bringt.

 

Die Weisen Israels schufen in der sogenannten „Großen Versammlung“ zu Beginn der Zeit des Zweiten Tempels bestimmte Segenssprüche für etliche Dinge, die uns erfreuen: für das tägliche Brot den Segen: „der das Brot hervorbringt aus der Erde“; für Mehlspeisen: „der Schöpfer aller Arten von Nahrung“; für Feldfrüchte: „Schöpfer der Feldfrüchte“; für Arten, die nicht auf dem Feld wachsen: „alles ist durch sein Wort“; für Düfte: „Schöpfer der Wohlgerüche“ und für etwas Schönes: „in dessen Welt es so ist“; für die Frühlingsblüte: „der seiner Welt nichts mangeln lässt und schafft in ihr gute Bäume und gute Geschöpfe, dass der Mensch daran seine Freude und seinen Nutzen habe“.

 

Rabbi Jehuda HaLevi zeigt in seinem Buch „Der Kuzari“, dass die Segenssprüche dem Menschen ein zusätzliches Vergnügen bereiten, weil er den Wert der Freuden erkenne. Die verpflichtenden Segenssprüche, die der Gerechte für alles, was er auf der Welt vorfindet und was ihm begegnet, zu sagen habe, vermehrten die angenehmen Seiten des Lebens und fügten den Vergnügungen noch eine tiefere Freude hinzu. Hierzu fragt der Kuzari: „Ist das möglich? Die Segenssprüche sind doch vielmehr eine zusätzliche Last?“ Antwortet ihm sein Freund: „Ziemt dies nicht dem vollkommenen Menschen, dass er von sich sagen kann, er empfinde mehr Vergnügen beim Essen und Trinken als das Neugeborene oder das Tier, so wie dem Vieh eher als der Pflanze die Fähigkeit zugeschrieben wird, am Fressen Vergnügen zu haben.“ Entgegnet ihm der Kuzari: „Nun gut, was den Vorzug betrifft, den der Mensch im Fühlen und Wahrnehmen des Vergnügens hat; denn der Betrunkene, dem man in seiner Trunkenheit alles Mögliche auftischt, dass er sich daran ergötze, der dann in Gesellschaft seiner Lieben isst, trinkt und angenehme Musik in den Armen seiner Geliebten hört – selbst wenn ihm das alles erzählt würde, nachdem er wieder nüchtern geworden ist, würde er dies alles bedauern und als Verlust, nicht als Gewinn ansehen, da ihm diese Vergnügungen nicht mit ungetrübter Wahrnehmung und bei vollem Bewusstsein zuteil wurden.“ Spricht der Freund: „Demgegenüber wird das Vergnügen verdoppelt durch das Genießen selbst und die rechte Vorbereitung darauf, durch das Bedenken der Vergänglichkeit des Vergnügens. Dies ist einer der Vorteile der Segenssprüche für die, die sie mit vollem Bewusstsein aussprechen. Denn sie ermöglichen der Seele des Menschen zu erkennen, welcher Art das Vergnügen ist. Sie bringen das Gefühl hervor, demjenigen zu danken, der die Quelle des Genusses ist, nachdem der Mensch dessen Vergänglichkeit bedacht hat. Dann aber ist die Freude an solch einem Vergnügen groß. Und so preist du den, „der belebt und erhält“, denn du siehst, dass du zum Tode geladen bist. So denkst du, dass du noch lebst, und siehst dies als Gewinn, und es verlieren die Krankheit und auch der Tod ihre Härte, wenn sie zu ihrer Zeit kommen. Denn wenn du Bilanz ziehst, wird deine Seele feststellen, dass du aus deinem Austausch mit Gott mit Gewinn hervorgegangen bist. Denn deiner Art nach sollte dir alles Gute ermangeln, denn du bist Staub. Aber Gott meint es gut mit dir und gibt dir Leben und Ergötzen. Für all das dankst du, und wenn es von dir genommen wird, sollst du sagen: „Der Herr gibt, der Herr nimmt – gesegnet sei der Name des Herrn.“ So wirst du dich alle Tage deines Lebens freuen. Wer aber diesen Weg nicht auf sich nimmt, dessen Vergnügen wird als nicht menschliches, sondern animalisches verachtet, wie das Vergnügen des Betrunkenen. So soll der Gerechte über den Inhalt jedes Segensspruches nachsinnen und sich klarmachen, was seine Absicht und womit verbunden ist. So wird er sich die Ordnung der Welt und was mit ihr zusammenhängt ausmalen beim Segensspruch: „Schöpfer des Lichts“, die Ordnung der oberen Welt, die Macht der Himmelskörper und ihren Nutzen.“ (Jehuda HaLevi, Der Kuzari; 3, 13 – 17)

 

Gott hat dem Menschen nicht nur seinen Körper und seine Gliedmaßen geschenkt, sondern hat ihm auch die Möglichkeit zu genießendem Empfinden gegeben. Der Mannigfaltigkeit der Vergnügungen entspricht die Vielzahl der Segenssprüche, die miteinander verbunden sind. Jede einzelne Köstlichkeit, die wir genießen, will in ihrer Besonderheit geschätzt sein. Das Segnen all dessen, woran wir uns erfreuen, ist wiederum eine Erfahrung des Vergnügens.

 

Für die Wechselbeziehung zwischen der Empfindung des Vergnügens und dem Ausdruck des Dankens findet der Jerusalemer Talmud folgende Worte: „In der kommenden Welt wird der Mensch Rechenschaft geben müssen für alles, was sein Auge gesehen hat, was er aber nicht genossen hat. Weshalb dies? Weil er nicht zugelassen hat, dass sein Herz den Augen folge, um den HERRN zu preisen und zu loben, der diese Vielfalt geschaffen hat, um durch sie den Menschen zu erhalten.“ (Pal. Tal. Kiduschin, Kap. 4, Ende)  Die Gelehrten wussten auch von Rabbi Elazar zu erzählen, der ein so armes und entbehrungsreiches Leben führte, dass er jeden Brotkanten zusammensparte, damit er sich zumindest einmal im Jahr an den Früchten des HERRN vergnügen und ihm danken konnte.

 

Deshalb ist unsere Welt in der Tat eine Fundgrube von vielfältigen Möglichkeiten, die dem Menschen Fülle und Befriedigung zuteil werden lassen. Was allein von ihm gefordert wird, ist, sich richtig darauf einzulassen. Das geschieht, indem er sich befreit von den Fesseln der Gewohnheit. Dann wird er sich fühlen wie der Blinde, dessen Augen geöffnet wurden, wie der Taube, dessen Ohren aufgetan sind, der Lahme, dessen Glieder wieder zurechtkommen, wie der Hungrige, dessen Hunger gestillt wird. Welcher Reichtum, welche Freude erfüllt sie dann bei dem Wenigen, das sie haben. Und wer kann uns nur einen Augenblick die Dankbarkeit gegenüber Gott verstehen lassen, die aus dem Gefühl des Reichtums kommt, dessen diese Leute teilhaftig wurden. Dies ist Sinn und Geschmack des Lebens!

 

Um hier recht verstehen zu können, ist die wahre Einstellung gegenüber der Religion zu klären:

 

Manche sehen als Grundlage dessen, was mit Religion verbunden ist, die Erfahrung, die in ihr selbst liegt. Nach ihnen ist das Ziel der Religion, dem Menschen gefühlsmäßige Befriedigung zu schenken. Sie sind in der Mehrzahl Ärzte und Psychologen, die im Aufgeben der religiösen Werte eine der Ursachen für die seelischen Erkrankungen in unserem Jahrhundert sehen. Der Glaube ist dazu da, dem Menschen Sicherheit zu geben und ihn gleichsam gegen die Schläge des Lebens zu polstern. Indem die Ordnungen der Welt zerfallen, dient die Religion dem Menschen als geistige Zuflucht, deshalb sagen die Vertreter dieser Auffassung, dass kein Mittel die seelische Gesundheit mehr fördere als eben die Religion. Bei aller Berechtigung dieser Ansicht wird in ihr doch der Religionsbegriff herabgesetzt. Denn anstatt dass der Mensch Gott dient, dient Gott sozusagen dem Menschen.

 

Die entgegengesetzte Auffassung nun löst die Erfahrungen völlig vom Gebiet der Religion ab. Für sie ist das Wesen der Religion die Beugung des Menschen unter den Willen Gottes. Die Betonung der menschlichen Bedürfnisse in der Religion verwischt dieser Ansicht nach die objektive Wahrheit in ihr und macht die Religion zu einer Art subjektivem Gläubigsein. Als Beispiel kann die Musiktheorie dienen: Dort wird streng unterschieden zwischen den Baugesetzen der Musik einerseits und den Gefühlen des Hörers oder auch des Komponisten andererseits; und zwischen beiden scheint keine Verbindung mehr zu bestehen.

 

In diesen beiden extremen Zugangsweisen steckt jeweils etwas Wahres, aber die vollständige Wahrheit liegt in einer Mischung aus beiden. Es ist wahr, dass die Selbstaufgabe des Menschen vor der göttlichen Herrlichkeit und die Übernehme des Joches seines Willens der Religion zu Grunde liegt. Dennoch verlangt Gott nicht, dass der Mensch zum bewusstlosen Automaten werde, der Hände, Füße und Lippen sinnlos bewegt, sondern Gott erwartet die Taten eines lebendigen Menschen, die aus seiner Eigenart heraus entspringen, aus allen seinen Lebenskräften, aus seinen körperlichen und geistigen Sinnen als einer Quelle schöpfend.

 

Wir sagten schon, dass der HERR den Menschen erschaffen hat, damit er seine Werke erkenne und sich daran ergötze. Die Freude an unseren guten Handlungen ist Teil der Annäherung an den Schöpfer. Deshalb sind die Gebote und das übrige uns Aufgegebene nicht nur zu erfüllen, sondern das durch sie Hervorgebrachte zu genießen und zu einer geistigen Erfahrung zu gelangen. Solches Ergötzen ist keineswegs abzulehnen, denn es trägt zum vollkommenen Tun der guten Werke bei So vollbringt der Mensch die rechten Taten mit größerer Freude und gelangt zu weiterer Erfüllung.

 

Indem der Mensch nach den Leitlinien der Religion lebt, ist er reicher und gesünder. Demgegenüber sind wir heute Zeugen einer Freizügigkeit, die zerstörerisch wirkt. Die Bibel aber spricht davon, dass dem Menschen Gutes in dieser Welt verheißen ist, wenn er das ihm Aufgegebene nach dem Geheiß seines Schöpfers tut. Dies birgt für den, der diesen Weg geht, die Aussicht auf ein reiches, erfülltes Leben in sich.

 

 

Kapitel III:   Die geistigen Eigenschaften, die dem Menschen in die Seele geprägt sind

 

1.      Ist der Glaube dem Menschen in die Seele geprägt?

 

Die Suche des Menschen nach einer höchsten Kraft lehrt, dass sich die ganze Menschheit dessen bewusst ist, dass es solch eine höchste Macht gibt. Es findet sich keine Kultur ohne Glauben an eine höchste übernatürliche Instanz. Der Anfang des Glaubens liegt in der Erschaffung des ersten Menschen. So wie es nicht nötig ist, einem Kind den Glauben einzuflößen, dass es Kind seiner Eltern sie, dass also seine Wirklichkeit von der Wirklichkeit der Eltern abhänge – eine Sache, die selbst ein verstandesmäßig unterentwickeltes Kind weiß - , ebenso erkannte der erste Mensch den HERRN als seinen Schöpfer.

 

Dieser traditionelle Glaube an eine höchste übernatürliche Macht kommt selbst bei den entlegendsten Stämmen zum Ausdruck. Diese Erscheinung, dass kein Stamm auf dieser Welt ohne Glaube ist, wäre ohne den Ursprung aus einer höheren Kraft, von der die Ahnen wussten, unmöglich; es ist hier nicht die Rede von denen, die absichtlich das Joch des Himmelreiches abgeworfen haben, sondern es ist die Menschheit gemeint, die vor jeder fassbaren Überlieferung lebte. Obwohl über Tausende von Jahren keine Verbindung zwischen den Völkern und Stämmen bestand, war ihnen ausnahmslos der Glaube an eine übernatürliche Macht gemeinsam. Dabei spielt es keine Rolle, wie dieses Übernatürliche benannt wurde. Alle Religionswissenschafter sehen sich gezwungen einzugestehen, dass es keine Kultur und keine Gesellschaft ohne Religion gibt: Der Mensch bezeugt auf die verschiedensten Weisen, dass etwas in oder über der Welt ist, das größer oder erhabener ist als er, das nicht Teil der gewöhnlichen alltäglichen Welt ist, in der der Mensch lebt. Er scheint gleichsam zu fühlen, dass es über diese Welt hinaus noch eine Dimension gibt, die ihn mehr oder weniger leitet, eine Macht, die von der Erfahrungswelt des Menschen grundsätzlich unterschieden ist, eine Kraft, die sein Geschick bestimmt.

 

Nicht nur aufgrund der Tradition erkennt der Mensch, dass eine höchste Macht ist, die die Welt leitet, sondern die Ausrichtung auf eine solche Instanz ist im Menschen verwurzelt, das klare Streben, mit Gott in Beziehung zu treten und sich ihm zu nähern. Jeder Mensch, egal welcher Weltanschauung, ist fähig zu beten und fühlt ein inneres Drängen dazu. So ist das Gebet die eindeutigste Offenlegung dieser natürlichen Ausrichtung auf Gott hin.

 

Es ist möglich, dass man am Schreibtisch eine Weltanschauung erdichtet, die der Religion und der Gottesbeziehung keinen Platz einräumt. Aber sobald man selbst oder ein geliebter Mensch in Lebensgefahr schwebt, dann ist man plötzlich fähig, das Knie zu beugen und aus ganzem Herzen zu dem zu beten, der die Toten belebt und in dessen Hand das Leben aller Geschöpfe liegt.

 

Der große dänische Dichter Sören Kierkegaard erzählt über einen Gottesleugner, der die Ehe eingeht und dann auf seine Frau einwirkt, von der Religion abzulassen. Er lebt mit ihr und ihrem kleinen Sohn. Die Frau erkrankt und liegt im Sterben; als er am letzten Morgen zu ihr tritt, stellt er eine Veränderung ihrer Haltung ihm gegenüber fest. Da fragt er sie, und sie sagt ihm die Wahrheit: „Wer sieht, dass seine Stunden gezählt sind, der fühlt etwas in seinem Inneren, was über die letzte Stunde hinausreicht.“ Gott zu leugnen ist eine Sache des lebenden Menschen, angesichts des Todes reichte die Kraft der Frau dazu nicht mehr. In diesen letzten Augenblicken ihres Lebens erkennt der Mann, dass es ihm nicht gelungen ist, seine Frau ganz und gar an sich zu binden; sie gehört schon einer anderen Welt an; sie ist schon im Begriffe, den Gott zu sehen von Angesicht zu Angesicht, den sie doch nach dem Willen ihres Mannes verleugnen sollte. Nach ihrem Tod bleibt der Mann allein mit dem kleinen Sohn und tröstet sich an ihm. Eines Tages wird das Kind von starken Schmerzen befallen; der Vater steht hilflos an seinem Bett, er sieht zu, wie das Kind leidet, wie sich seine Augen weiten aus Angst vor dem nächsten Anfall von Schmerzen, und jeder Anfall ist schlimmer als der vorhergehende. So sitzt der Vater am Bett seines Sohnes einen ganzen Tag lang. Als er den Anblick seines kranken Sohnes nicht mehr ertragen kann, fällt er auf die Knie und betet zu Gott im Himmel, der die Macht hat zu töten und lebendig zu machen, dem keiner gleicht, dass er seinen Sohn rette. Am Morgen – ist er allein. In jener Nacht ist seine Welt zusammengebrochen, und sein Herz grämte sich ein ganzes Leben lang darüber, dass in der Stunde der Versuchung seine Gottesleugnung nicht standgehalten hatte, und er versucht sich einzureden, dass er bei jenem Gebet nicht wusste, was er tat, und dass der Schmerz über seinen Sohn seinen Verstand überforderte.

 

Doch dieses gelang nicht! Mit Wissen und in vollem Bewusstsein beugte er die Knie vor seinem Schöpfer; dies sind die Konflikte, in die Gottesleugner geraten, denn die Kraft des Glaubens ist eine elementare Kraft im Menschen, und auch dem ärgsten Gottesleugner gelingt es nicht, sie auszumerzen.

 

C.G. Jung hat in seinem Leben Hunderte von Kranken behandelt. Es sei, so Jung, kaum einer unter ihnen gewesen, dessen Problem nicht in einer gescheiterten Weltanschauung oder in einem SichLossagen von Glaubensinhalten bestanden hätte.

 

2.      Ist das Streben nach dem Guten dem Menschen in die Seele geprägt?

 

Die meisten Menschen schätzen das Gute und streben danach, es zu erreichen. Selbst ein Kleinkind kann schon einschätzen, was eine gute Tat ist. Wenn man ihm von Leuten erzählt, die Gutes taten, glänzen seine Augen vor Freude, wohingegen es vom Schlechten Tun anderer abgestoßen wird. Noch bevor es gelernt hat, was gut und böse ist, sind dem Kind diese Kategorien in die Seele geprägt. Von daher ist auch zu verstehen, was es mit den Grundlagen des Gewissens auf sich hat. Es gibt zum Beispiel nicht wenige Leute, die, wenn sie zum ersten Mal eine Gesetzesübertretung begangen haben, zur Polizei eilen und verlangen, mit aller Strenge des Gesetzes bestraft zu werden, um für ihre Verfehlungen Sühne zu leisten. Und es kommt auch vor, dass Verbrecher an den Ort ihres Verbrechens zurückkehren, obwohl sie dort vielleicht schon von der Polizei erwartet werden. Ebenso unverständlich ist, dass der Gesetzesübertreter einen inneren Zwang verspürt, jemandem seine Tat zu gestehen, obwohl ihn ein solches Geständnis in die Gefahr bringt, festgenommen zu werden All diese Erscheinungen sind nur von daher verständlich, dass in der Seele des Menschen eine Abscheu vor dem Schlechten verwurzelt ist, die ihn nötigt, wieder ins Lot zu bringen, was er verbrochen hat. Deshalb wird der Verbrecher zum Ort seines Verbrechens gezogen, als ob er dort seine Tat wieder gut machen könnte. Ebenso verhält es sich mit dem Geständnis, das zu den Geboten der Buße und Umkehr gehört. Selbst wenn er sich gegenüber dem Schöpfer der Welt nicht offenbart, so erklärt er sich doch anderen Menschen, denn der Zwang zum Geständnis entspringt einem inneren Drängen der Seele.

 

Dem entspricht, dass der Reichtum des Menschen umso größer ist, je mehr er seine Lebensweise nach diesen geistigen Grundlinien ausrichtet. Die auf das Materielle bezogenen Sinne des Menschen sind eben nicht nur rein instrumental, sondern sind Träger der Lebenserfahrung. Und auch der geistige Sinn ist nicht ein reines Empfangsgerät, um Gott zu erreichen, sondern trägt das tiefste Erfahren des Lebens. Das Auge und das Ohr sind nicht nur Mittel zum Sehen und Hören, die das alltägliche Leben erforderlich macht. Auch ein blinder oder tauber Mensch kann sich im Alltag zurechtfinden. Vielmehr vermitteln sie Erfahrungen wie Schönheit von Farben, angenehme Laute, den erhebenden Eindruck einer Landschaft oder den Wohlklang der Musik.

 

Umso schärfer und entwickelter die Sinne des Menschen sind, desto reicher ist auch sein Lebensgefühl. So gelangt zum Beispiel ein Künstler, sei er Musiker oder Maler, aufgrund seiner hohen Sensibilität zu einer höchsten Erfahrung im akustischen bzw. im optischen Bereich. Daraus folgt, dass der Sinn des Menschen für das Göttliche der Träger der tiefsten und mächtigsten Erfahrung ist, erhabener als jede hervorragende Musik und entzückender als jeder bezaubernde Anblick: Das ist die Erfahrung des Glaubens. Diese Erfahrung erfüllt die Seele mit einem überwältigend reichen, tiefen und weiten Lebensgefühl, das nicht zu überbieten ist. Nach dem Maße, wie dieser Sinn entwickelt ist, so groß und tief ist auch diese Erfahrung. Die Propheten und die mit dem göttlichen Geist Begabten gelangten zu höchstem menschlichen Erfahren, und ihr seelischer Reichtum war unermesslich. Viele Verse in der Bibel bringen dieses Gefühl zum Ausdruck:

 

„Dann wird er selig sein im HERRN“ (Jes. 58, 14); „Ich freue mich im HERRN und jauchze dem Gott meines Heils“ (Hab. 3, 18); „Er sättigt dich mit Freuden“ (Ps. 16, 11); „Meine Seele und mein Fleisch dürsten nach dir“ (Ps. 63, 2); „Die Nähe Gottes ist mir gut“ (Ps. 73, 28); „Mein Sinn und mein Sein jubeln zum HERRN, meinem Leben“ (Ps. 104, 3).

 

Rabbi Chaim ben Atar schreibt dazu in seinem Kommentar „Das Licht des Lebens“: Keine Lust auf dieser Welt ist süßer, erfreulicher, angenehmer, lieblicher, begehrenswerter, ersehnter für die Geschöpfe als dem Glanze Gottes ganz nahe zu sein. Und da die ganze Welt befestigt ist mit Pflöcken und Nägeln der Lust des Schöpfers, darum kehren sich die Menschen mit Sehnsucht und innerer Neigung immer wieder ihm zu, sich ihm zu nähern und sich angenehm zu machen vor dem, dessen Name gepriesen sei.“ (Chaim ben Atar, Or ha Chaim, zu 1. Mose 2, 1)

 

Der Schöpfer will, dass die Geschöpfe ihn erkennen und erfahren, wie sie ihr Leben recht nutzen können, um zu dem Bewusstsein zu gelangen, dass die ganze Schöpfung nichts als Liebe ist.

 

Darum gab Gott den Menschen seine Weisung, die den Namen trägt: Die sieben Gebote der Nachkommen Noahs.

 

 

Kapitel IV:   Die sieben Gebote der Nachkommen Noahs

 

  1. Einführung

 

Die sieben Gebote für die Nachkommen Noahs sind eine vollständige Weisung, die den Menschen gegeben ist, damit sie wissen, wie sie ihr Leben recht führen können. Diese Weisung wird nach Noah, dem Gerechten, benannt. Sie heißt also nicht nach dem ersten Menschen, Adam, obwohl auch diesem alle Gebote aufgetragen waren bis auf eines, das erst Noah empfing. Aber Noah ist eben insofern der Vater der Menschheit, als von ihm alle Menschen abstammen, nachdem die Flut die Urmenschheit vernichtet hatte. Ihm wurde als erstem der Verzehr von Lebewesen gestattet. In diesem Zusammenhang wurde ihm ein siebtes Gebot aufgetragen: Das Verbot, ein Glied eines lebenden Tieres zu essen.

 

Diese Weisung, die noachitische Tora, wurde, obwohl sie schon seit der Erschaffung der Welt besteht, durch Mose am Sinai nochmals gegeben, da es für eine Weisung nicht genügt, dass sie vernunftgemäß ist und einen Anhalt an der Geschichte hat. Sie muss vielmehr als göttliche Weisung erkannt werden; ebendies ist am Berg Sinai der ganzen Welt offenbar geworden.

 

Maimonides schreibt:

 

„Jeder, der die sieben Gebote für sich gelten lässt und sich bemüht, sie zu tun, gehört zu den Gerechten aus den Völkern und hat Anteil an der kommenden Welt; er nimmt sie auf sich, weil Gott sie in der Tora geboten und durch unseren Lehrer Mose bekannt gemacht hat, dass sie den Nachkommen Noahs aufgegeben sind. Wenn man sie dagegen aufgrund vernünftiger Einsicht vollzieht, so gilt man nicht als Beisasse (hebr.: ger toschav), nicht als Gerechter aus den Völkern und nicht als ein Weiser (andere Lesart: sondern als Weiser d.h., dass er als Weiser betrachtet wird, aber so doch nicht zur Vollkommenheit gelangen kann, weil er all dies nicht aufgrund des göttlichen Auftrages tut.“ (Maimonides, Mischne Tora, Melachim 8,11)

 

Am Berg Sinai offenbarte sich Gott seinem Volk Israel mit der Absicht, dass der ganzen Welt Weisung zuteil werden sollte. Allerdings ist diese Weisung in einige Teile unterteilt: Sie beinhaltet einen Teil für die ganze Menschheit, die sogenannte „torat bne noach“, also die Weisung für die Nachkommen Noahs, und es gibt besondere Teile für Israel, das der Menschheit als priesterliches Volk zum Vorbild dienen soll – darum sind den Israeliten zusätzliche Gebote aufgetragen. Dem entsprechend gibt es einen Teil in der Tora für die Priester aus den Israeliten, die noch erhabener als ihre Volksgenossen sein sollen, da sie am Tempel Dienst tun. Dazu kommen bestimmte Abschnitte für den Mann und bestimmte Abschnitte für die Frau. Allgemein gesprochen heißt dies: Die göttliche Weisung ist der ganzen menschlichen Gesellschaft gegeben, jedem Menschen nach seinem Wesen und nach seiner Aufgabe.

 

Die Nachkommen Noahs empfingen die sieben grundlegenden Gebote mit ihren Einzelbestimmungen, und die Israeliten erhielten die zehn Gebote mit den 613 Einzelgeboten. Die Noachiten sind auf die sieben Gebote verpflichtet, jedoch nicht auf die übrigen Weisungen an die Israeliten; letztere einzuhalten ist ihnen freilich gestattet – bis auf einige wenige, wie das Studium der Tora in den Teilen, die die Noachiten nicht zu befolgen haben, oder aber das Halten des Schabbat in einer Weise, die unten noch besprochen werden wird.

 

Freilich ist es dem Noachiten gestattet, zum Judentum zu konvertieren; dies wird aber keinesfalls empfohlen, denn jeder, so wie er ist, kann den Willen seines Schöpfers erfüllen und ewiges Leben empfangen in der kommenden Welt. Deshalb halten die Weisen Israels Menschen davon ab, vorschnell zu konvertieren, und versuchen denjenigen zu überzeugen, dass es besser sei, nicht zu konvertieren, wenn man nicht völlig überzeugt und entschlossen ist.

 

  1. Die Bedeutung der Weisung

 

Wir sprechen von „Weisung“ und nicht von „Religion“ der Noachiten, weil ein Unterschied besteht zwischen Weisung und Religion. „Weisung“ trägt noch die praktische Bedeutung von „Wegweiser“ in sich, das bedeutet: die Weisung bringt den Menschen auf den Weg eines Lebens, in dem er seine geistige Ganzheit erreicht und seine Fähigkeiten ausschöpfen kann. „Religion“ demgegenüber fügt im allgemeinen dem vielfältigen Tun des Menschen die Dimension des Heiligen hinzu, wie etwa religiöse Feiern zum Anlass einer Eheschließung oder eines Todesfalles. Die Religion bringt zuweilen eine Trennung mit sich zwischen dem natürlichen Leben des Menschen und gewissen Winkeln der Heiligkeit, eine Erscheinung, die sich etwa im Bau einer Kirche zum Gebet oder eines Klosters zur Absonderung vom irdischen Leben widerspiegelt. Aber das ist nicht Weisung! Die Weisung will den Menschen lehren, wie er sein ganzes Leben führen kann und soll. Der Satz: „dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, verstanden als künstliche Aufteilung von Lebensbereichen, entspricht nicht der Tora; sie umfasst das ganze Leben des Menschen, vom Öffnen bis zum Schließen der Augen, von Geburt bis zum Tod, denn die Weisung will wirkliche Orientierung für das Handeln geben.

 

Einer der Gelehrten Israels, Rabbi Bachya Ibn Pakuda, der vor neunhundert Jahren in Spanien lebte, stellt in seinem „Lehrbuch der Herzenspflichten“ fest, es sei ein Irrtum zu glauben, es gebe drei Arten von Handlungen, nämlich positive, negative und wertfreie. In Wahrheit gebe es nur zwei, sagt er, nämlich positive und negative, in diesem Rahmen würden alle Handlungen beurteilt: Handlungen, die uns der Wahrheit und dem Guten näher bringen, seien begrüßenswert, und was uns von der Wahrheit abbringt, sei abzulehnen. Jedes Tun, ob Lernen, Arbeiten, Essen oder Ruhen sei dann als begrüßenswert zu betrachten, wenn es ein positives Ziel verfolgt, und sei abzulehnen, sobald es aus einem anderen Grund heraus getan wird. Als Beispiel kann uns dienen, was Maimonides schreibt: „Der Körper ist gesund und vollkommen in den Wegen des HERRN; es ist aber unmöglich, dass jemand Erkenntnis des Schöpfers hat, solange er krank ist; darum muss man sich fernhalten von Dingen, die den Körper schädigen, und sich an die Gesundheit fördernde und heilsame Dinge halten.“ (Maimonides, Mischne Tora, Deoth 4,1) Maimonides weiter: „Wer sein Leben gemäß den medizinischen Erkenntnissen führt, der sollte nicht nur darauf achten, dass sein Körper und seine Glieder unversehrt sind und dass er Nachkommen hat, die seine Arbeit übernehmen und ihn versorgen können. Er soll vielmehr darum auf die Unversehrtheit und die Kraft seines Körpers achten, damit seine Seele sich darauf ausrichten kann, den HERRN zu erkennen. Denn es ist unmöglich, sich mit den Lehren auseinanderzusetzen und sie zu verstehen, wenn man hungrig oder krank ist oder wenn eines der Glieder schmerzt. Und du wirst sehen, dass derjenige, der alle Tage auf diesem Weg einhergeht, Gott fortlaufend dient, selbst wenn er einen Prozess führt oder mit seiner Frau geschlechtlichen Umgang hat. Denn seine Absicht bei all dem ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen, damit sein Körper ganz ist, um Gott dienen zu können. Selbst der Schlaf, wenn er in der Absicht geschieht, Geist und Körper ruhen zu lassen, um nicht krank zu werden und so dem Herrn nicht mehr dienen zu können, ist Gottesdienst. Darum geboten die Weisen: „Alle deine Werke tue um des Himmels willen“. Das sagte auch Salomo in seiner Weisheit: „Er kennt alle deine Wege und macht gerade deine Pfade“. (Maimonides, Mischne Tora, Deoth 3, Ende)

 

Es ist deutlich, dass sich die Worte des Maimonides auf das auserwählte Volk Israel beziehen, das sich über jeden Schritt Rechenschaft abzulegen hat. Aber wir lernen doch daraus allgemein die Richtung des Guten: Alles auf dieser Welt soll auf das Gute und Begrüßenswerte ausgerichtet sein und nicht auf ihr Gegenteil. Darauf zielt die Tora ab. Die Weisung als Wegweiser des Lebens lässt sich selbst an einer ethisch hochstehenden philosophischen Weltanschauung nicht genügen. Demjenigen, der die Weisung für einen Selbstzweck hält und sie nicht in einen Lebensweg umsetzt, sagten die Weisen Israels eindeutig: „Wer spricht: „Ich habe nichts als die Tora“, der hat keine Tora“, denn alle nicht umgesetzten ideellen Werte haben in Wirklichkeit keinen Wert.

 

Die Weisen haben dies durch folgende Geschichte klargemacht:

 

Als Mose zum Himmel aufstieg, sahen ihn die Dienstengel und fragten Gott: „Was macht ein Mensch hier?“ Das sagte ihnen Gott: „Er kommt, um Weisung zu empfangen.“ Die Engel überkam das Entsetzen: „Sollte es möglich sein, dass eine so heilige und edle Weisung dem Menschen gegeben werde!?  Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und das Menschenkind, dass du es heimsuchst? HERR, unser Gott, setze deine Herrlichkeit (deine Weisung) über die Himmel!“ Sprach der HERR: „Du, gib ihnen Antwort!“ Und Mose sprach: „Was steht in der Tora geschrieben, die du mir gibst?: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägypten herausgeführt habe. Seid ihr (Engel) etwa nach Ägypten hinabgezogen und zu Sklaven gemacht worden? Warum ist sie also eure Weisung? Und nochmals: Was steht in ihr geschrieben: Nicht soll dir ein anderer Gott vor meinem Angesicht sein. Ist bei euch etwa Raum für Götzendienst? Und es steht in ihr geschrieben: Du sollst den Namen des HERRN nicht zu Nichtigem gebrauchen und nicht lügnerisch schwören. Gibt es bei euch etwa gerichtliche Verhandlungen? Und genauso steht es mit der Ehrung von Vater und Mutter, mit dem Töten und vielem anderen.“ Da waren die Engel überzeugt davon, dass die Tora zu den Menschen passe, die ihre Gebote halten sollen. (Midrasch Pesikta Rabbati 20, 96-98)

 

Die Weisung zielt nun darauf ab, die Eigenart des Menschen zu bewahren, dessen Seele eine aufrichtige Wurzel hat, denn es steht geschrieben: „Gott schuf den Menschen aufrichtig“ (Pred. 7, 29). Aber er ist auch triebbestimmt, wie es heißt: „Der Antrieb des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an“ (1. Mose 6, 5). Der Mensch braucht die gärende Triebkraft, die Kraft, die von den Reizen ausgeht, damit er zum Essen, zum Tun und zur Fortpflanzung veranlasst wird. Aber es muss auch eine Gegenkraft da sein, die die Triebe in eine begrüßenswerte Richtung lenkt. Der Mensch braucht eine Ausrichtung, auf die hin er seine Fähigkeiten und Kräfte entwickeln kann; denn jede menschliche Möglichkeit soll ausgenutzt werden als von Gott verliehen, wie die Gabe zum Zeichnen, zum Lehren, Musik machen oder was es sonst sei. Aber die Wahrnehmung dieser Möglichkeiten soll nicht nur der eigenen geistigen Persönlichkeitsbildung, sondern auch der Gesellschaft dienen.

 

Der Mensch ist keine Maschine und auch kein Tier, das von seinen Instinkten geleitet wird; der Mensch ist ein Geschöpf, das denken und wählen kann. Er braucht die Ausrichtung, und das ist die Weisung vom Himmel, ohne sie verfängt sich der Mensch in der Vielfalt seiner Möglichkeiten. Außerdem bestehen innere und äußere Reize, ihn vom Weg abzubringen. Die Weisung jedoch bewahrt ihn davor abzuweichen. Sie aktiviert auch, was in der Seele des Menschen verborgen ist. So gelangt der Mensch durch sie zu Freude und Reichtum.

 

Pädagogen weisen uns darauf hin, dass in der Kindererziehung das Vermitteln von Grenzen und irgendwie definierten Lebensbereichen wichtig sei. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit.

 

Darum hat Gott seinen Kindern seine Weisung gegeben. Er ist für sie wie ein Elternteil, das seine Kinder erzieht, wie ein Lehrer, der seine Schüler anleitet.

 

  1. Die sieben Gebote der noachitischen Tora

 

Sieben grundlegende Regeln sind die Basis der Gebote. Sieben ist die Zahl unserer natürlichen Welt. Die Woche hat sieben Tage. Die Musik besteht aus sieben Tönen. Der Regenbogen weist sieben Farben auf. Dies alles zeigt uns, dass unsere Welt auf die Sieben aufbaut. So gibt es auch die sechs Richtungen des natürlichen Raumes plus die geistige Dimension, die außerhalb unserer greifbaren Wirklichkeit liegt.

 

Diese sieben grundlegenden Leitlinien lassen sich nach drei Bereichen unterscheiden:

 

a.)   Die Erkenntnis der Einheit Gottes

b.)   Das Lebensrecht und die Würde des Mitmenschen

c.)    Die Beherrschung der animalischen Triebe

 

Die sieben Hauptgebote sind wie das Skelett, das relativ starr und unveränderlich den Körper aufrecht hält. Ihnen beigegeben sind zusätzliche Gebote, gleichsam das Gewebe des Körpers, das flexibel ist und sich unter bestimmten Umständen verändern lässt. So gibt es Gebote, deren Befolgung kaum von der Eigenart des Menschen abhängt, der sie tut – das sind die dem Skelett vergleichbaren Gebote, die für jeden gleichermaßen verpflichtend sind. Demgegenüber sind die dem Gewebe vergleichbaren Gebote solche, die den einzelnen gemäß seinen Eigenheiten und gemäß seinem Talent in Dienst nehmen.

 

In der Offenbarung des einzigen und alleinigen Gottes wird klar, dass alle Kreatur durch seine Hand geschaffen ist und in ihm zu seiner Bestimmung zurückkehrt. Er schafft alles, er erhält alles und durch ihn wirkt alles.

 

Wir leben in Gottes Welt. Alles, was uns umgibt, ist das Werk seiner Hände, das ihm zu dienen hat. Von ihm kommen jede Kraft und jede Gestalt, er hat allem Stoff sein Maß gesetzt, zu wirken und zu schaffen nach den Gesetzen des HERRN: Alle sind Diener des HERRN, jedes an seinem Platz und zu seiner Zeit. Nach dem Maß der ihm gegebenen Kräfte realisiert jedes Teil das Wort Gottes und trägt zum Bau des Ganzen bei. Alle sind Diener des HERRN, die um seinen Thron stehen, wie die Weisen Israels sagen: „Durch zehn Aussprüche wurde die Welt geschaffen“ (Sprüche der Väter 5,1) – nicht durch einen Ausspruch nur hat Gott alles geschaffen, jedes einzelne Geschöpf und alle zusammen, denn sonst würden alle Geschöpfe mit ihrem Sein, ihrem Leben und ihren Handlungen nur unmittelbar vom Wort Gottes abhängen und würden sich nicht gegenseitig tragen und nicht wechselseitig beeinflussen. Deshalb erschuf Gott seine Welt durch zehn Aussprüche. Über zehn Entwicklungsstufen hinweg schuf er ihre Kräfte und befahl ihnen, sich nach seinen Worten zu verbinden. Danach hat er sie geschieden, damit das eine das andere trage. Keines birgt in sich allein die Mittel zu sein und zu wirken, sondern empfängt sie vom Mitgeschöpf und gibt sie weiter. So trägt jedes Geschöpf nach dem Maß seiner Kräfte seinen Teil an der Erhaltung des Ganzen bei. Und wenn eines von ihnen etwas auf der Welt zerstört, so schneidet es dadurch einen Zweig vom eigenen Lebensbaum ab.

 

Ein Kreislauf der Liebe ohne Ende vereinigt alle Geschöpfe. Alle geben und nehmen. Keines hat für sich allein Bestand. Alle wirken zusammen. Jedes ist in der Gesamtheit und für die Gesamtheit da und alles wiederum für das einzelne Geschöpf.

 

„Gott ist die Liebe“, sagten die Weisen, und die Liebe ist das Fundament der ganzen Schöpfung. Alles Bestehende erzählt dir von der Liebe. Und in dieser Welt, die voll der Ehre des HERRN ist, inmitten dem Werk seiner Hände, in diesem Chor der Diener Gottes – was ist der Mensch?

 

Selbst wenn die Weisung schwiege, erzählt dir nicht das Antlitz der Schöpfung eine Geschichte, siehst du es nicht an dir selbst? Ist nicht auch der Mensch Gottes Geschöpf?! Ist nicht auch er Diener des HERRN?! Alle deine Gebeine hat Gott geschaffen, hervorgebracht, in deinem Innern geordnet und ihnen Leben und Kraft eingehaucht. Die so reiche Welt deines Geistes hat er gebildet – deine Persönlichkeit, diesen göttlichen Funken, jedem Auge verborgen, weil Gott nicht gesehen werden kann; er wirkt sein Gewebe in dieser kleinen Welt, steht dem Leib und der Seele vor, ein Teil der göttlichen Welt.

 

Achte dich als Geschöpf Gottes! Und angesichts von Himmel und Erde, gegenüber dem großen Chor der Diener Gottes rufe in Ehrfurcht und Liebe auch über dir den Namen aus, aus dem deine Bestimmung in dieser Welt hervorgeht: Diener des HERRN!

 

Wenn alle Geschöpfe, ob groß oder klein, von Gott hervorgebracht sind, damit sie ihre Arbeit an dem Ort verrichten, der ihnen durch die Gebote Gottes zugewiesen ist, die empfangen, damit sie geben können – kann einem dann überhaupt in den Sinn kommen, der Mensch sei einzig dazu geboren, sich den Bauch vollzuschlagen mit allem, was da komme? Ist es denkbar, dass der Mensch ohne Bestimmung auf der Welt sei, ohne Aufgabe, dass er nur dazu geboren sei, um alles in sich hineinzuschlingen und zu konsumieren? Die Erde und alles, was sie erfüllt, dient Gott, und einzig der Mensch diene sich selbst? Nein, das kann nicht sein!

 

Deine Erkenntnis sagt es dir und die Weisheit lehrt es: Ebenbild Gottes! „Nach dem Bilde Gottes machte er den Menschen“ (1. Mose 1, 27). Dies bedeutet auch einen Anspruch an den Menschen: Er soll nach dem Bilde Gottes leben und ihm ähnlich sein mehr als all die anderen Geschöpfe, und er soll für alle da sein. Der Mensch ist geboren, um Gott zu erkennen aus den Werken der Liebe und Gerechtigkeit, und nicht einfach nur um sich zu vergnügen oder zu leiden. Alles, was dein ist: Geist, Körper, Söhne und Töchter, Besitztümer, Tiere, jede Fähigkeit und jede Kraft – sie alle sind Mittel, um deinem Wirken nachzukommen: zum Bebauen und Bewahren, auf alles zu achten und alles tatkräftig zu fördern in Liebe und Gerechtigkeit.

 

Nicht dein ist die Erde, sondern du bist ihr gegeben, du hast sie zu würdigen als heiliges Land, hast alle Kreatur als Geschöpfe Gottes zu sehen, als deine Geschwister, sie zu lieben und ihnen zu helfen bei der Erfüllung ihrer Aufgabe gemäß dem Willen Gottes.

 

Auch du, Mensch, musst dich demselben Gesetz beugen, dem – ohne Willen und Vernunft – alle Kräfte der Natur gehorchen; mehr noch: Du sollst dich ihm beugen aus voller Erkenntnis und freier Wahl. In deiner Hand liegen die Kraft und die Verständigkeit, den Sinn deiner Existenz als Geschöpf Gottes zu ergreifen, an dir liegt es, dich durch den Dienst Gottes zu heiligen; in deinem Herzen und in deinem Sinn vermagst du dein Ziel zu sehen und zu erlangen. Wenn du um dich die Diener Gottes siehst, die seinen Willen tun, wenn du in deinem Inneren die Kräfte fühlst, die auch dich zum Wirken und Tun rufen, willst nicht auch du in diesem großen Chor miteinstimmen in den Ruf: „Wir wollen tun und hören“!? Hier bin ich, bereit, den Willen Gottes zu tun und darum auch zu hören. Ja, ich will tun, ich strebe danach, den Sinn des Gebotes dadurch zu verstehen, dass ich es tue – in vollem Bewusstsein und aus freier Wahl! Und dadurch bist du ein Diener ersten Ranges im Chor der Gottesknechte.

 

Am Schluss dieses Abschnittes wollen wir den Unterschied klären zwischen der Verpflichtung der Israeliten auf die 613 Gebote der Tora, deren Grundlage der Dekalog ist – die Zehn ist eine vollkommene Zahl, und wir zählen ja auch gewöhnlich im Zehnersystem – und der Verpflichtung der Nachkommen Noahs, die auf das Siebengebot gegründet ist – und die Sieben steht für die natürliche Ganzheit, wie wir oben gezeigt haben.

 

Der Unterschied zwischen beiden Verpflichtungen lässt sich durch folgendes Gleichnis erklären:

 

Wer irgendeine Zeichnung zu verfertigen hat, der kann dabei mehr oder weniger Anstrengung darauf verwenden, dem geforderten Bild zu entsprechen. Man kann mit wenigen groben Strichen das Hauptsächliche des Gegenstandes erfassen oder sich eben auch um alle Feinheiten und Details bemühen. Wer berufsmäßiger Künstler ist, der legt besondere Sorgfalt auf jede Einzelheit des Bildes, auf jeden Strich, auf jeden Schatten und Punkt. So ist es die Aufgabe der Menschheit, ihren Lebensinhalt auf die Regeln der Tora auszurichten. Demgegenüber müssen die Nachkommen Israels, die als priesterliches Volk der Menschheit als Beispiel dienen, so leben wie der Künstler, der seine Arbeit noch vollkommener tut und es mit jeder Einzelheit sehr genau nimmt. Wenn ein Nachkomme Noahs auch seinerseits so handeln will, darf er es zwar tun, aber es ist ihm nicht geboten.

 

Dies muss gesagt werden, damit wir hier nicht die Bereiche vermischen: Es ist den Juden verboten, Nichtjuden zum Konvertieren zu veranlassen; entsprechend haben die Nichtjuden die besondere Aufgabe der Juden anzuerkennen.

 

Einer der Nachkommen Noahs, der die besondere Aufgabe der Israeliten verstanden hat, war der französische Außenminister Bartholome Saint Hilaire (1805 – 1895). Er stellte sich der Frage, ob die Juden konvertieren sollen, wie folgt: „Ich will dir ganz schnell antworten: Nein! Gott bewahre, dass die Juden Christen würden! Wenn die Juden aufhörten zu sein, was sie entsprechend ihrem Glauben sind, so wäre das in meinen Augen das größte Unglück für das Menschengeschlecht. Kein Volk auf der Welt hat soviel Kraft bewiesen, für seinen Glauben zu leiden, wie das Volk Israel. Kein Volk hat einen so nachhaltigen religiösen Einfluss auf die Menschheit ausgeübt wie das Volk Israel. Seine Bibel stellt das größte Buch unter den heiligen Schriften der Völker dar und hat Israel zum „Volk des Namens“ gemacht. Der Tag, an dem die Juden zu Christen würden, wäre ein nicht wieder gutzumachender Unglückstag. Die Juden müssen für immer bleiben, was sie sind; sie müssen dem treu bleiben, wofür sie 3000 Jahre lang gelitten haben, und dessen Kraft heute so stark ist wie damals. Wenn die Juden nicht mehr wären, hätte das ganze Menschengeschlecht einen Lehrer und Leiter in Glaubensdingen verloren, der nicht seinesgleichen kennt. Besonders in unserer Zeit, in der der Gottesglaube unter Leuten, die sich als aufgeklärt und vernünftig verstehen, immer mehr schwindet, wäre ein Fehlen der Juden umso spürbarer. Das menschliche Gewissen braucht den lebendigen Protest des Volkes Israel.“ (Bartholome Saint Hilaire in seiner Antwort auf den Traktat „Werden die Juden ihren Glauben ändern?“)

 

Der französische Schriftsteller Ranouil sagte einmal, die Menschheit empfinge aus der alten Welt drei Lehrer: den Lehrer des Glaubens und der Moral – das sei der Jude; den Lehrer der Weisheit und der handwerklichen Kunstfertigkeit – das sei der Grieche und den Lehrer des Rechtes – das sei der Römer.

 

Die Betonung der Unterschiedenheit zwischen den Israeliten und den Noachiten meint nicht, dass sich Israel der Einflussnahme auf andere Völker enthalten solle, gerade im Gegenteil! Gerade durch die Abgrenzung und Unterscheidung wirkt das Volk Israel auf die ganze Menschheit ein. Möglicherweise hat das ganze seinen Sinn darin, dass das Volk Israel, insofern es nach der Tora und den Geboten lebt, in der Welt deutlich macht, wie ein Volk als ganzes zur geistigen Vollkommenheit gelangen kann. Das Bestehen des Volkes Israels in Vollkommenheit, d.h. wenn die 613 Gebote wahrhaftig und ganz gehalten werden, stellt ein Beispiel dar für eine vollkommene Gesellschaft, die von Heiligkeit und Reinheit geleitet wird. Es gibt keine höhere Heiligung des Gottesnamens als dies. Es haben sich schon viele gerühmt, dem einzelnen wie auch immer geistigen Reichtum zu bringen, aber es gibt bisher noch niemanden, der ein Gebot entworfen und auch gehalten hätte zum Aufbau einer Gesellschaftsordnung, die geistigen Reichtum für die Allgemeinheit bringen könnte, für die Bevölkerung insgesamt. Damit ist gerade das Bestehen des Volkes Israel als nationale und gesellschaftliche Größe eine Möglichkeit, auf die Völker der Welt einzuwirken, die Königsherrschaft Gottes anzuerkennen. Darum heißt es von der Zukunft, wenn die Erlösung kommen wird für das Volk Israel, wenn es in seinem Land wohnen und die Tora wahrhaftig gehalten wird: Es wird Weisung ergehen aus Zion für die ganze Menschheit (Jes. 2) – dies kann nicht in der Zeit des Exils geschehen, in der das Volk Israel zerstreut lebt unter den Völkern und von ihnen beeinflusst wird.

 

Die Pädagogen haben erkannt, dass nicht die direkte Anweisung, sondern das persönliche Vorbild die beste Form der Einflussnahme ist; wenn Israel seine Aufgabe erfüllt, wird dies ein hervorragendes persönliches Beispiel für die ganze Welt sein.

 

Rabbiner Samson Raphael Hirsch schreibt in „Neunzehn Briefe über das Judentum“:

 

„Dem Volk Israel ist es auferlegt, auf die Tora des HERRN achtzuhaben inmitten der Menschheit wie ein Priester inmitten seiner Volksgenossen, auf sie achtzuhaben als ein heiliges Volk und in dieser Heiligkeit zu stehen und sich nicht verwickeln zu lassen in die Machenschaften der Völker oder nach ihren Satzungen zu wandeln, sondern in seinem Leben die Heiligkeit des Menschen zu bewahren. Die Tora und die Erfüllung des Willens Gottes sind die Grundlage für das Leben des Volkes Israel, der Boden unter seinen Füßen und der Sinn seines Bestehens; darum hängt die Nationalität dieses Volkes nicht an wechselnden Faktoren und ist auch nicht von solchen bedingt. Dem Volk Israel ist es aufgegeben, seine Stellung einzunehmen unter den Völkern und als Volk all den übrigen Völkern zu zeigen, dass Gott der Herr über seine Welt ist allen zugute.“ (Samson Raphael Hirsch, Neunzehn Briefe über Judentum, Frankfurt 1901, 3. Aufl., Brief 8) Weiter heißt es in Hirschs Worten: „Und denken Sie sich einmal das Bild solches unter Völkern freiwohnenden, sein Ideal erstrebenden Israels! Jeder Israelit geachteter, weitwirkender Beispielspriester der Gerechtigkeit und Liebe; nicht Israels Religion – was ihm verboten ist – aber reines Menschtum unter den Völkern verbreitend! Welcher Hebel zum Fortschritt der Menschheitserziehung, welche Leuchte und Stab in des Mittelalters nächtigen Tagen, wenn Israels Sünde und der Völker Wahn dieses Bild des Exils nicht zurückgedrängt; wenn in Mitte einer nur Gewalt und Genuss und Besitz erstrebenden und vergötternden, nicht selten vom Wahn umdunkelten Menschheit still und offen Menschen gelebt hätten, die in Besitz und Genuss nur Mittel sahen, Gerechtigkeit und Liebe gegen alle Welt zu üben, deren Geist, von der Liebe, Wahrheit und Weisheit erfüllt, nur menschlich gerade, vernünftige Ansichten gehegt und in lebendigem Tatsymbol für sich und andere verewigt hätte!“ (Samson Raphael Hirsch, aaO., Brief 16)

 

 

Kapitel V:  Grundsätze, die dem Menschen auferlegt sind

 

„Die Frommen der Völker haben Anteil an der kommenden Welt, wenn sie das Wünschenswerte erlangen aus der Erkenntnis des Schöpfers heraus und wenn sie ihr Leben bestimmt sein lassen von den guten Eigenschaften“ – so der grundlegende Satz bei Maimonides. (Maimonides, Brief an Rav Chasdai HaLevy)

 

Die sieben fundamentalen Gebote, die dem Menschen auferlegt sind, lassen sich in drei Gruppen aufteilen:

 

Der Glaube an Gott und die Ehre Gottes.

 

Die Hilfe für und die Sorge um die Gesellschaft und die ganze Schöpfung.

 

Beherrschen der Triebe und die Aneignung guter Eigenschaften.

 

  1. Glauben

 

In der Ordnung der sieben Gebote finden sich die folgenden beiden Verbote, die dazu da sind, die Unversehrtheit des Menschen bewahren zu helfen:

 

a.)   Das Verbot des Götzendienstes

b.)   Das Verbot der Gotteslästerung

 

Bei beiden Regeln geht es nicht nur um ein Unterlassen, sondern auch um die Anweisung zu einem positiven Tun des Menschen: Parallel zum Ver-bot steht das Ge-bot: Der Glaube.

 

Es heißt in der Schrift: „So sollst du heute erkennen und dir zu Herzen nehmen, dass der HERR Gott ist im Himmel und auf Erden und keiner sonst.“ (5. Mose 4, 39). Das heißt, man soll sich in Glaubensdinge vertiefen und sie so verinnerlichen, dass sie Teil des Menschenlebens werden; wie geschrieben steht bei Habakuk: „Der Gerechte wird in seinem Glauben leben“ (2, 4), anders gesagt: Er wird den Glauben leben.

 

Auch ist die Schöpfung zu betrachten und von ihr zu lernen, wie es bei Hiob heißt: „Steh still und merke auf die Wunder Gottes“ (37, 14); als Beispiel dient dort das große Wunder der Naturgesetze, die auf das Wasser einwirken und den Bestand der Welt garantieren: „Vom Odem Gottes kommt Eis, und die weiten Wasser liegen erstarrt“ (Hiob 37, 10). Bei allen Stoffen bewirken die Naturgesetze, dass bei sinkender Temperatur eine Verdichtung und bei steigender Temperatur eine Ausdehnung eintritt. Dieses Gesetz gilt auch für das Wasser; aber diese Regel verändert sich in dem Moment, in dem die Temperatur auf 4 bis 0 Grad Celsius absinkt. In diesem Bereich wird das Wasser zu Eis und nimmt seinem Volumen nach nicht mehr ab, sondern zu. Diese Tatsache dient dem Bestand der Welt; wenn dem nämlich nicht so wäre, würde das Eis absinken und die Weltmeere würden auskühlen und vereisen. Dies würde zum Tod aller Wassertiere und letztlich, wegen des Temperatursturzes auf der Welt, zum Tod aller Lebewesen führen. Aufgrund dieser Anomalie des Wassers kann das Eiswasser im Meer nicht absinken, sondern steigt an die Oberfläche. Im Winter gefriert zwar die oberste Schicht auch bei fließenden Gewässern, aber das Wasser in den tieferen Schichten bleibt warm und wird durch die obere Eisschicht vor dem weiteren Auskühlen bewahrt.

 

Weiter steht im Buch Hiob geschrieben: „Zieht der Falke aufgrund deiner Weisheit mit ausgebreiteten Flügeln nach Süden?“ (39, 26). Der Vogelzug vor Einbruch des Winters ist ein Geheimnis. Wie können die jungen Vögel ohne Führung der Eltern derart lange Wege finden, die sie noch nie zuvor zurückgelegt haben? Die Welt der Natur ist voll solcher Erscheinungen.

 

Der Prophet Jesaja ruft: „Hebt eure Augen auf und seht! Wer hat all diese Dinge geschaffen und führt ihr zahlloses Heer heraus, um sie beim Namen zu rufen ...“ (40, 26).

 

Die Betrachtung der Schöpfung bringt den Menschen zur Erkenntnis seines Schöpfers.

 

So erzählt der Midrasch über Abraham, den Hebräer, dass er die ganze Schöpfung betrachtete, die Sonne, den Mond und die übrige himmlische Welt und sprach: „Soll das möglich sein, dass diese Stadt – nämlich die Welt – erleuchtet wird, ohne dass ein Lenker da ist?“ Da zeigte sich ihm der Herr der Stadt und sprach zu ihm: „Ich bin der Herr der Stadt.“

 

Sooft wir uns mit den Erscheinungen der Natur beschäftigen, werden wir erkennen, dass „der Herr die Welt mit Weisheit gegründet und den Himmel mit Einsicht errichtet hat“ (Spr. 3, 19). Jedes noch so kleine Teilchen erfüllt seinen besonderen Sinn und Zweck im ganzen der Welt.

 

Der Midrasch erzählt dazu folgende Geschichte:

 

Ein Fremder kam zu Rabbi Akiva und fragte: „Wer hat die Welt erschaffen?“ Rabbi Akiva sprach zu ihm: „Gott.“ Da erwiderte der Fremde: „Zeig mir das an etwas ganz Offensichtlichem!“ Rabbi Akiva fragte ihn: „Wer hat deine Kleider gewoben?“ Der Fremde antwortete: „Ein Weber.“ Da sprach Rabbi Akiva: „Zeige mir das an etwas ganz Offensichtlichem!“ In diesem Sinne erklärte Rabbi Akiva seinen Schülern: „Wie das Kleid den Weber bezeugt, wie die Tür den Schreiner und das Haus den Maurer bezeugen, so legt die Welt Zeugnis ab von Gott, der sie geschaffen hat.“

 

Der Philosoph Rabbi Bachya Ibn Pekuda geht auf die Behauptung, die Welt sei ein Zufallsprodukt und ohne einen Schöpfer, ein und sagt: „Wie kann dem Menschen überhaupt in den Sinn kommen, den Schöpfer zu leugnen? Wenn jemand zum Beispiel über ein Wasserrad, das sich dreht und die Felder bewässert, sagen würde, es sei ohne die planende Arbeit des Handwerkers zustande gekommen – man würde eine solche Meinung für ausgesprochenen Unsinn halten; in absichtslosen und zufällig hingeworfenen Dingen lassen sich keine Zeichen von Sinn und Weisheit finden. Jeder kann sehen, dass auf ein Blatt unbeabsichtigt ausgelaufene Tinte keine konturierte Schrift ergeben kann; umgekehrt wäre jener, der behauptet, die konturierte klare Schrift resultiere aus unkontrolliert ausgelaufener Tinte, als Lügner überführt.“ (Bachya Ibn Pakuda, Lehrbuch der Herzenspflichten, I, Kap. 6)

 

Je mehr sich der Mensch vertieft in die Wunder der Schöpfung, ob in die Erforschung der Atome oder der Mikroorganismen, desto mehr werden ihn die Ordnung und die Exaktheit erstaunen, die er vorfindet – all dies lehrt uns etwas über die Wundertaten des Schöpfers.

 

Wir sollen darauf achten, wie Gott seine Welt erhält. Der Prophet Jeremia sagt: „Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit und der Starke nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums; wer sich aber rühmt, der rühme sich dessen, dass er Einsicht hat und mich erkennt, denn ich, der HERR, übe Gunst, Recht und Gerechtigkeit im Land, denn daran habe ich Gefallen – Spruch des HERRN“ (Jer. 9, 22-23).

 

Der Glaube an Gott führt den Menschen zu einem Maß an Vertrauen, in dem er bei allem, was er tut, die Hand Gottes beteiligt sieht, die ihm hilft und ihn unterstützt: „Gedenke des HERRN, deines Gottes, denn er ist es, der dir die Kraft gibt, Taten zu vollbringen ...“ (5. Mose 8, 18); die aramäische Übersetzung betont an dieser Stelle, dass nicht nur die Kraft zum Tun, sondern auch die Ratschläge, die zum Gelingen geführt haben, von Gott kommen.

 

Das Gebet zu Gott ist ein Bestandteil des Gebotes, an den Schöpfer zu glauben. „Beter“ ist einer der Namen, den die jüdische Tradition dem Menschen beilegt.

 

Psychologen haben das Verhalten von Soldaten in schweren Situationen im Krieg beobachtet und den Menschen ein „betendes Tier“ genannt. Das Gebet ist dem Menschen tief in die Seele geprägt. Selbst ein erklärter Gottesleugner kann sich hiervon nicht ganz freimachen (vgl. Kierkegaards Erzählung, Kap. III).

 

König Salomo bittet von Gott, er möge die Gebete annehmen, die man im Tempel sprechen werde, Fremder und der eigenen Volksgenossen: „Und höre auch vom Himmel, dem Ort deines Wohnens, auf den Fremden, der nicht zu deinem Volk Israel gehört, sondern von einem fernen Land kommt um deines Namens willen – denn sie werden hören von deinem großen Namen, und von deiner mächtigen Hand, und von deinem ausgereckten Arm - , wenn er zu diesem Haus kommt um anzubeten, dann erhöre im Himmel, dem Ort deines Wohnens, und erfülle dem Fremden, worum er dich bittet; dass alle Völker auf Erden deinen Namen erkennen, dass auch sie dich fürchten wie dein Volk Israel und dass sie innewerden, wie dies Haus, das ich gebaut habe, nach deinem Namen genannt sei“ (1. Kön. 8, 41 – 43). Ebenso heißt es über den Tempel in der Zukunft: „Ich will sie zu meinem Tempel bringen und will sie erfreuen in meinem Bethaus, denn mein Haus soll ein Haus des Gebetes heißen für alle Völker“ (Jes. 56, 7).

 

Das Gebot des Glaubens beinhaltet einige Grundsätze, die Maimonides wie folgt zusammengefasst hat:

 

a)     Ich glaube mit ganzem Glauben, dass der Schöpfer, gepriesen sei sein Name, alle Geschöpfe schafft und erhält, dass er allein alles gemacht hat und machen wird.

 

Alles, was existiert, kommt von ihm. Gott hat alles aus dem Nichts geschaffen; auch nachdem die Kreaturen erschaffen sind, haben sie keinen Bestand aus sich heraus, sondern der Gepriesene erhält und belebt sie in jedem Augenblick, wie der Psalm sagt: „Dem, der große Lichter macht, sei Dank, denn seine Güte währet ewig“ (Ps. 136, 7); es heißt nicht: „der gemacht hat“, sondern: „der macht“. Darum haben die Weisen der Großen Versammlung im Morgengebet beim Lobspruch über den Schöpfer die Wendung eingefügt: „der in seiner Güte das Werk seiner Schöpfung ständig erneuert“.

 

b)     Ich glaube mit ganzem Glauben, dass der Schöpfer, sein Name sei gepriesen, ein einziger ist, dass es keine Einzigkeit gibt wie er ist und dass er allein unser Gott war, ist und sein wird.

 

Dass Gott „einzig“ ist, heißt nicht nur, dass es außer ihm keinen Gott gibt, sondern dass er einzig ist in einer Einzigkeit, die es sonst nicht gibt. Denn diese Einzigkeit ist weder aufzuteilen noch zu vermehren, weder lässt sie sich in Eigenschaften einteilen, noch unterliegt sie irgendeiner anderen Teilung.

 

c)      Der Schöpfer, gepriesen sei er, hat keinen Körper und ist nicht mit Begriffen der Körperlichkeit zu beschreiben; er ist unvergleichbar.

 

Das Geschöpf vermag in keiner Weise seinen Schöpfer zu beschreiben; so etwas wäre noch undenkbarer als der Versuch eines Blinden, die Schönheit der Farben zu empfinden oder eines Tauben, Klänge zu vernehmen. Dennoch gibt es ja in der Bibel Ausdrücke wie: „Hand Gottes“, „Stimme Gottes“, „Augen Gottes“ und vieles ähnliche mehr. Dies sind lediglich Beispiele und Gleichnisse aus unserer Welt, um die Welt Gottes für unsere Sinne fasslich zu machen. Darum fügen die Weisen Israels, wenn sie gleichnishaft von Gott sprechen, das Wort „sozusagen“ hinzu und betonen damit, dass es einzig und allein um ein Gleichnis zur Konkretisierung der Sprache geht. Auch wenn wir Beschreibungen Gottes gebrauchen wie „barmherzig und gnädig“ oder andere, so geschieht dies nicht in der Absicht, göttliche Eigenschaften irgendwie mit den menschlichen zu identifizieren. Wir können Gott keine Eigenschaft beilegen, auch nicht eine solche, die wir für gut halten, denn Gott ist erhaben über allem, auch über unseren Vorstellungen. Gott hat keinen Mangel weder an Güte, noch an Weisheit, noch an irgendeiner Sache. Dies ist letztlich eine Beschreibung Gottes via negationis d.h. eine Beschreibung dessen, was Gott eben nicht zukommt; Maimonides nimmt dazu ausführlich Stellung im Eingangsteil seines großen Werkes „Führer der Unschlüssigen“.

 

d)     der Schöpfer, gepriesen sei sein Name, ist der Erste und Letzte.

 

Der Begriff „überzeitlich“ entzieht sich unseren Verstehensmöglichkeiten, da wir von der Schöpfung her in die Zeit eingebunden leben. Es ist uns weder das „Zuvor“ – was vor der Schöpfung war, zugänglich, noch das „Danach“ – was nach ihr kommt. Das Überzeitliche liegt außerhalb des menschlichen Zugriffes und ist ihm daher auch verboten (Bab.Tal. Chagiga 11 b). Gleichwohl ist uns eine begrenzte Einsicht darüber gegeben, dass die Zeit zusammen mit der Schöpfung entstanden ist. Rabbi Eliahu ben Schlomo, der Gaon von Wilna, erklärte: „Am Anfang schuf Gott“ (1. Mose 1, 1), das bedeutet: auch den Anfang selbst schuf Gott mit der Erschaffung der Welt. In unseren Tagen bestätigt sich immer deutlicher die Erkenntnis, dass von Zeit nur dann gesprochen werden kann, wenn die Möglichkeit besteht, sie zu messen, und dass es ohne ein bewegtes Objekt auch keinen Begriff von Zeit geben kann. Ebenso ist seit Professor Einsteins Theorie bekannt, dass bei einem Körper, dessen Geschwindigkeit sich der Lichtgeschwindigkeit annähert, die Zeitbegriffe außer Kraft gesetzt werden.

 

e)     Ich glaube mit ganzem Glauben, dass der Schöpfer, gepriesen sei sein Name, allein angebetet werden soll und kein anderer außer ihm.

 

Es ist dem Menschen verboten, sozusagen Mittler anzurufen zwischen ihm und Gott. Der Mensch soll sich direkt und nur an Gott wenden. Mittler und „Medien“ stehen als eine Art Götzendienst unter strengstem Verbot.

 

Zu den grundlegenden Geboten des Glaubens, nicht Götzendienst zu treiben, nicht an irgendeine andere Macht als Gott zu glauben, gehört auch, dass der Mensch die Ehre Gottes nicht verunglimpfen darf: Das Verbot der Gotteslästerung.

 

Dies bedeutet, Gott selbst in Zeiten der Not nicht zu beschimpfen oder zu verfluchen. Wer glaubt, dass alles aus der Hand des gnädigen Schöpfers kommt, muss zu dem Schluss kommen, dass alles, was Gott tut, zum Guten ist. Solch ein gläubiger Mensch wird sich nicht verhalten wie der Götzendiener, von dem Jesaja sagt, dass er Not und Hunger leidend seinem König und Gott zürnt und flucht (Jes. 8, 21); vielmehr nimmt er, wenn seine ganzen Bemühungen nichts fruchten, alles in Liebe an.

 

Zu den Grundlagen des Glaubens gehört auch, dass Gott den Menschen die Weisung vom Himmel gegeben hat.

 

Empfohlen ist allen Menschen zudem der Glaube an die kommende Welt und die Auferstehung der Toten.

 

Sich der Weisheit und der Vernunft zu bedienen, ist gut, solange der Mensch darauf aus ist, den Schöpfer der Welt zu erkennen und sich selbst anzuerkennen als Diener Gottes, der die Gunst hat, an jedem Schöpfungswerk beteiligt zu sein. Verwerflich ist aber, wenn der Mensch nach Erkenntnis strebt, um sich von der Partnerschaft mit dem Schöpfer der Welt zu befreien. Von daher soll man sich nicht auf Schwarze Magie, Spiritualismus, Wahrsagerei und ähnliches einlassen. Dabei sucht der Mensch eine Stellung einzunehmen, in der er seine Zukunft vermeintlich selber in der Hand hat.

 

Die Sünde Adams, nach dem Rat der Schlange vom Baum der Erkenntnis zu essen – die Schlange bedeutet menschliche Vorstellungskraft - , besteht in einem Gebrauch der Weisheit und der Vernunft, der uns nicht mehr empfinden lässt, wie sehr wir von Gott abhängig sind, sondern uns im Gegenteil von dieser Abhängigkeit zu befreien sucht. Der Midrasch erläutert den Bibelvers „Wenn ihr essen werdet vom Baum der Erkenntnis, werdet ihr sein wie Gott“ (Gen. 3, 5): Ihr werdet Weltenschöpfer sein; denn wie Gott sozusagen vom Baum der Erkenntnis aß – er hat ja die Welt mit Weisheit geschaffen - , so wird auch der Mensch, von der Schlange verführt, seine Welt erschaffen können.

 

In unserer Zeit werden die Geheimnisse der Schöpfung erforscht. Man versucht, die Natur zu verstehen; bis in den Weltraum hinein reichen die Vorstöße des Menschen. Dies alles ist solange gutzuheißen, als das Ziel die Anerkennung der Wundertaten des Schöpfers bleibt; wenn aber der Antrieb des menschlichen Erkenntniswillens darin besteht, eigenmächtig Schöpfer sein zu wollen, dann ist dies Sünde, wie Adam sie tat.

 

    2. Entwicklung der Welt

 

Das Gebot des Glaubens an den Schöpfer der Welt, dass er alles vermag und alles schafft, enthebt den Menschen nicht vom Handeln. Im Gegenteil! Es heißt in 1. Mose 2, 3 wörtlich: „was Gott schuf, es zu tun“; diese eigentümliche doppelte Redeweise des Bibelverses legt der Midrasch wie folgt aus: Gott schuf alles in der Weise, dass es dem Menschen aufgegeben ist, es zu vervollständigen. So hat der Mensch etwa den Weizen zu mahlen und den Flachs zu verweben. Die Tiere erhalten von der Natur die Nahrung und die Körperbedeckung bereits fertig, der Mensch aber nicht. Gott hat dem Menschen seine Welt übergeben, damit er sie entwickle und vervollständige. Gott sprach zum Menschen: „Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und die Vögel des Himmels und über alles, was auf der Erde lebt“ (1. Mose 1, 28). Im gleichen Sinne spricht Jesaja: „Gott hat die Erde nicht geschaffen, dass sie leer sei, sondern hat sie bereitet, dass man auf ihr wohnen solle (45, 18). Es ist die Aufgabe des Menschen, etwas zu schaffen. Darum gehört es zu den wichtigsten Freuden des Menschen, etwas zu bilden und hervorzubringen. Die Weisen Israels sahen in Noah einen Menschen, der anderen neunfach überlegen gewesen sei (Bab.Tal. Bava Mezia 38 a); Raschi erklärt dies dahingehend, dass sich Noah um die Entwicklung der Welt überhaupt bemüht habe, um die Besiedlung der Erde, um die Bepflanzung der Einöde, um die Veredelung der Pflanzen- und Tierarten.

 

Dies alles muss jedoch aus einer Ehrfurcht vor Gott heraus geschehen. Der Mensch hat sich als Partner Gottes zu begreifen, der gewürdigt ist, am großen Werk der Schöpfung mitzuwirken.

 

Es ist wichtig, darauf zu achten, dass nicht zwei verschiedene Arten miteinander gekreuzt werden; dies wäre eine Geringschätzung der Ehre des Schöpfers, als sei die Schöpfung etwa nicht vollkommen genug, dass sie die Erfindung neuer Arten nötig hätte. Innerhalb einer Art ist das Veredeln und Kreuzen erlaubt, doch verbietet das Religionsgesetz das Vermischen verschiedener Arten. Auch die Genmanipulationen unterliegen diesem Grundsatz. Wir haben die Aufgabe, gemeinsam das Schöpfungswerk des HERRN zu veredeln und zu vervollkommnen, aber nicht Dinge zu tun, die dem Geist der göttlichen Moral widersprechen.

 

Dies bedeutet aber nicht, dass mit der Natur nicht gerungen werden dürfte. So sagt die Weisung betreffs der Heilkunst: „und er wird in Wahrheit heilen“ (2. Mose 21, 19); mit diesem Vers belegten die Weisen Israels die Erlaubnis für einen Arzt zu heilen. Auf den Einwand, dass die Krankheit eine Strafe Gottes sei und wir uns deshalb nicht einmischen dürften, entgegnet die Weisung, dass es erlaubt sei, die Kranken zu behandeln, ja sogar geboten, ihre Gesundung zu fördern.

 

Nicht nur die Belange des Menschen, sondern auch der Zustand und die Qualität der Umwelt sind der Tradition ein Anliegen. Es geht um ein rechtes, angemessenes Nutzen der Schätze und Resourcen der Natur. Im Midrasch zum Buch des Predigers heißt es: „Als Gott den ersten Menschen erschuf, nahm er ihn und verpflichtete ihn, auf alle Dinge im Garten Eden acht zu haben. Er sagte zu ihm: „Sieh, wie angenehm und lieblich mein Werk ist, und alles habe ich für dich geschaffen. Lass es dir darum angelegen sein, dass du meine Welt nicht zerstörst!“ (Kohelet Rabba 7).

 

Die richtige Nutzung der Schöpfung ist der Entwicklung der Welt förderlich. Zerstörerisch aber wirken ein rücksichtsloses Ausbeuten der Natur und ein verschwenderischer Überbedarf, der nicht am Lebensnotwendigen, sondern an dem ausgerichtet ist, was uns findige Werbefachleute einreden, die uns durch Slogans zum Konsum reizen wollen wie „Durst macht Spaß mit ...“ oder „Schmeck das Leben, iss ...!“ Wenn wir uns immer nur mit dem neuesten Automodell zufrieden geben und wenn die Möbel darum nicht mehr passen, weil sie vom Vorjahr sind, dann gebrauchen wir den natürlichen Reichtum auf eine Weise, die nicht wünschenswert ist.

 

Außerdem verunreinigen wir die Natur durch unsere überdimensionierte Industrie. Die Wahrung unseres Lebensstandards führt zu einer Überbeanspruchung der Böden; andererseits werden dann Ernten vernichtet, um das Preisniveau zu halten. Würde sich die Menschheit ihres Verstandes bedienen, könnten wir viel Überflüssiges sparen, und es wäre genug Geld da, um wirtschaftlich schwächere Länder zu unterstützen und Einöden zum Blühen zu bringen.

 

Der Mensch ist dazu geschaffen, die Welt zu gestalten und zu entwickeln. Dies wurde ihm schon gesagt, als er in den Garten Eden geführt wurde: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ (1. Mose 2, 15). Dabei steht die Aufforderung zur Bearbeitung des Gartens im Vordergrund, die aber das bewahrende Motiv immer in sich bergen muss. „Bebauen“ weist auf das Gebot eines bestimmten Tuns, „bewahren“ meint eher das Gebot eines bestimmten Nichttuns, eines Unterlassens – in beidem zusammen besteht der Auftrag des Schöpfers.

 

Die Weisen betonten die Bedeutung der Arbeit: „Liebe die Arbeit mehr als das gelehrte Establishment“ (Sprüche der Väter 1, 10). Und der Midrasch sagt: „Bedeutsam ist die Arbeit, denn sie wurde nur den Menschen gegeben“; es kann sogar heißen: „Das Ergötzen an der Hände Arbeit ist größer als das an der Gottesfurcht“. Die rabbinische Schriftauslegung ist voll der Wertschätzung der Arbeit: „Bedeutsam ist die Arbeit, denn alle Propheten gingen ihr nach. Bedeutsam ist die Arbeit, denn es ruhte die Gegenwart Gottes erst dann auf Israel, als sie ihre Arbeit am Bau der Stiftshütte beendet hatten, wie geschrieben steht: „Und Mose sah dies ganze Werk an, und siehe, sie hatten es gemacht, wie der HERR geboten hatte. Und er segnete sie“ (Ex. 39, 43) – und er segnete sie mit den Worten: „Es sei der Wille Gottes, dass seine Gegenwart im Werk eurer Hände wohne.“ (Midrasch „Anfang der Weisheit, Licht der Welt“, Kap. 4)

 

Obgleich Gott alles gemacht hat, ist der Mensch doch allenthalben aufgefordert mitzuwirken: „Der HERR, dein Gott wird dich segnen bei allem, was du tust“ (5. Mose 15, 18). Darum besteht kein Widerspruch zwischen dem Vertrauen des Menschen in die Wirkkraft Gottes von oben und der Aufforderung zum tätigen Handeln. Gott begabt den Menschen zur Mitarbeiterschaft im schöpferischen Tun.

 

Der Prophet Jesaja sieht für die Zukunft eine Art Aufgabenteilung innerhalb der Menschheit: Das Volk Israel wird ein Volk von Lernenden und Lehrenden sein. „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem“ (Jes. 2, 2 – 3). „Fremde werden hintreten und eure Herden weiden, und Ausländer werden eure Ackerleute und Weingärtner sein. Ihr aber sollt Priester des HERRN heißen, und man wird euch Diener unsres Gottes nennen“ (Jes. 61, 5 – 6).

 

a)     Das Bauen einer Lebensgemeinschaft

 

Der Mensch soll die Welt gestalten und vervollkommnen. Dies bedeutet insbesondere, dass er sich um die Lebensgemeinschaft zu kümmern hat, in der er lebt. Es ist hier nicht nur die menschliche Gesellschaft im Blick, sondern die gesamte Lebenswelt. So hat sich der Mensch gegenüber den Tieren jeglicher Grausamkeit zu enthalten.  In diesem Zusammenhang steht eine der sieben Grundregeln der noachitischen Weisung:

 

Der Mensch darf kein Glied von einem lebenden Tier essen.

 

Trotz dieses Verbotes wird der Vegetarismus nicht zum Ideal erhoben. Zwar wurde zu Beginn der Schöpfung dem Menschen aufgegeben, nur Früchte und keine Tiere zu essen, aber zur Zeit des Noah wurde Verzehr von Fleisch und das Töten von Tieren erlaubt. Als ein Beleg für die ursprünglich vegetarische Lebensweise des Menschen ist auf das menschliche Gebiss zu verweisen, das eher dem der pflanzenfressenden Tiere nahe steht als dem Gebiss fleischfressender Lebewesen. Aber um eine gewisse Distanz zwischen Mensch und Tier zu wahren, hat Gott dem Menschen den Fleischgenuss erlaubt; eine zu große Nähe des Menschen zum Tier könnte ihn von seiner Zuwendung zum Mitmenschen abhalten oder sie schmälern – all dies angesichts der Tatsache, dass der Mensch eben noch nicht auf der Stufe der Vollkommenheit steht. Für die Zukunft heißt es aber bei Jesaja, dass Gott die jetzt noch geduldete fleischliche Ernährungsweise aufheben wird, so dass der Löwe wie das Vieh Stroh fressen wird (Jes. 11, 7) und die Menschen so voller Liebe sein werden, dass die Zuwendung zu Tieren nicht mehr auf Kosten der Mitmenschen gehen wird.

 

b)     „Die Welt wird durch Gnade erbaut“ (Ps. 89, 3)

 

Der Mensch wurde dazu geschaffen, ein gemeinschaftliches Leben aufzubauen und seinen Nächsten tatkräftig zu unterstützen. „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1. Mose 2, 18); er ist auf die Gemeinschaft mit anderen Menschen hin geschaffen und nicht, um für sich selbst nur da zu sein. Der Mensch braucht seine Mitmenschen nicht nur, um von ihrer Gegenwart und Unterstützung zu profitieren, sondern auch um seinerseits etwas geben zu können. Es zeigte sich in Untersuchungen über den Zustand von Menschen in Ghettos und Gefangenenlagern, dass ihnen nicht nur ein seelisches Bedürfnis zu nehmen eigen ist, sondern auch zu geben; deshalb brachten sich viele Leute sogar in Lebensgefahr, um irgendwelchen Unbekannten zu helfen, einfach weil sie auch Menschen sind.

 

Der Prophet Hesekiel sagt über Sodom: „Siehe, das war die Schuld deiner Schwester Sodom: Hoffart und alles in Fülle und sichere Ruhe hatte sie mit ihren Töchtern; aber dem Armen und Elenden halfen sie nicht“ (Hes. 16, 49). Das heißt, dass Sodom wegen seines mangelnden sozialen Beistandes für Bedürftige so hart bestraft worden ist.

 

c)      Die Heiligkeit des menschlichen Lebens

 

Beim Aufbau der Lebensgemeinschaft steht an erster Stelle das Achthaben auf das Leben des Menschen. Das Gebot „Du sollst nicht töten!“ (2. Mose 20, 13) – „Du sollst dich nicht an menschlichem Leben vergreifen!“ – ist nicht nur auf das Leben des anderen, sondern auch auf das eigene bezogen. Es ist dem Menschen verboten, sein Leben unnötig in Gefahr zu bringen oder sich gar das Leben zu nehmen. Das Leben ist nicht unser Eigentum; es ist uns vielmehr vom Schöpfer der Welt anvertraut, bis er es wieder von uns zurücknehmen wird. Und so wie es uns aufgetragen ist, unser eigenes Leben zu bewahren, so soll uns auch das unserer Mitmenschen teuer sein.  Nachdem Kain seinen Bruder ermordet hatte, erbebte die Erde an jedem Ort, wohin er auch trat, und spie voller Abscheu aus: „Dieser hat seinen Bruder gemordet!“ Alle Menschen stammen vom ersten Menschen ab und sind dadurch verbrüdert. Darum darf das Leben nicht angetastet werden, sei es das Leben eines alten Menschen, über den die Zeit hinweggegangen ist, oder sei es das Leben eines Kranken, den eine gefährliche oder unheilbare Krankheit befallen hat. Es gibt keinen absurderen Ausdruck als „Tötung aus Erbarmen“. Dies darf nicht sein, selbst wenn der Kranke um seine Ermordung bittet – der Mensch kann nicht über sein Leben verfügen, es ist die Leihgabe Gottes an uns. Wir sind vielmehr gefordert, durch die Weiterentwicklung der medizinischen Möglichkeiten unser und unserer Mitmenschen Leben zu fördern und zu bewahren.

 

Es ist die Aufgabe des Menschen, den Frieden zu mehren und alles zur Verhinderung von Kriegen zu tun. Dann entsprechen wir der Verheißung des Jesaja: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (Jes. 2, 4)

 

d)     Die Bedeutung der Rechte des Menschen

 

Die Grundregel heißt hier: Verbot des Diebstahls.

 

Dieses Gebot umfasst jegliches Verletzen der Rechte des Nächsten. Diebstahl zerstört die Gesellschaft. Die Weisen sagen im Midrasch: „Der Sünden ist ein volles Maß, doch am meisten von allen ist der Diebstahl zu beklagen – dafür wurde die Sintflutgeneration bestraft.“ (Leviticus Rabba 33) Die Rabbinen beschäftigten sich mit dem Unterschied zwischen der Strafe, die die Generation der Flut traf, und der Strafe für die Generation des babylonischen Turmbaus; obgleich Letztere Gott entthronen wollten, sind sie dennoch nicht mit der Zerstörung der Welt bestraft worden. „Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder“ (1. Mose 11, 9). Raschis Kommentar zu dieser Stelle lautet: „Was war schlimmer, das Vergehen der Generation der Flut oder das der Generation der Völkerzertrennung? Hat Letztere nicht die Hand gegen Gott ausgestreckt, um ihn zu bekämpfen? Jene Ersten sind von der Welt gespült worden, diese aber erlebten keine Ausrottung. Die Leute aus der Generation der Flut waren Diebe und streitsüchtig, darum sind sie ausgerottet worden. Sie haderten miteinander, während jene liebend und freundschaftlich miteinander umgingen, wie geschrieben steht: „Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache (1. Mose 11, 1). In dem Maß wie das Wortgefecht gehasst wird, kann der Friede wachsen.“ So ist es dem Menschen aufgetragen, sich in seinem Handeln Recht und Billigkeit gegenüber dem Mitmenschen angelegen sein zu lassen.

 

Dies bezieht sich auch auf die Geschäftsgebaren, wie Hiob von sich bezeugt: „Ist mein Gang etwa vom Wege gewichen und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen?“ (Hiob 31, 7). Rabbi Mosche Luzzato legt dies dahingehend aus: „Obwohl wir sehen, dass die meisten Leute sich nicht in offensichtlicher Weise Fremdes aneignen und sich nicht für alle sichtbar am Geld ihres Nächsten vergreifen und in ihre eigene Tasche strecken, so finden doch viele Menschen Gefallen daran, in Geschäften ihren Vorteil zu suchen und auf diese Weise am Verlust des anderen zu verdienen. Und dabei sagen sie: „Ist das Verdienen denn nicht erlaubt?“ Doch die Tora hat durch viele Verbote Übergriffe auf das Recht des anderen und sein Geld untersagt. Nicht allein klar zutage tretende Vergehen wie Diebstahl und Nichtzahlung von Lohn sind verboten, sondern bereits alles, was man sich irgendwie zuschustert und aneignet, fällt unter das Verbot.“ (Mosche Chaim Luzzato, Pfad der Aufrechten, Kap. 11)

 

Hiob bezeichnet diesen nicht offensichtlichen Raub sehr schön als das, was an der Hand des Menschen sozusagen haften bleibt. Mag der Mensch auch von Anfang an nicht darauf aus sein, eine bestimmte Sache an sich zu ziehen und das ganze auf sich beruhen zu lassen, so findet sie sich schließlich doch in seiner Hand, und es fällt ihm schwer, sie wieder loszulassen. Darum herrsche das Herz über die Augen, um nicht zuzulassen, dass diese an fremdem Eigentum Gefallen finden; die Augen suchen das Herz zu dem zu verführen, was ihnen schön und begehrenswert erscheint.

 

Ein Idealbild eines solchen Menschen, der das Gut anderer achtete, war nach Meinung der Weisen Henoch, ein Gerechter aus den Nationen. Er war Schuhmacher und nähte Stiefel, und über jeder Naht sprach er den Segen: „Gepriesen sei der herrliche Name SEINER Herrschaft auf ewig, dass durch sie Einigung und Verbindung sei für alle Zeiten.“ Nach der Auslegung dieser Worte durch Rabbi Israel aus Salant prüfte Henoch jeden Faden und jede Naht, dass sie ordentlich verarbeitet seien, ging sorgfältig mit dem Geld anderer um. Solche Einigungen und Verbindungen, die Henoch hervorbrachte, seien von allerhöchstem Rang gewesen.

 

e)     Gerichte und Rechtspflege

 

Eines der sieben Grundgebote der noachitischen Weisung ist das Gebot, Recht zu sprechen.

 

Um die Gesellschaft zu erhalten, müssen Gerichte geschaffen werden, die Rechtsbrecher verurteilen und in allen möglichen Konfliktsituationen zwischen Menschen Recht sprechen.

 

„Auf drei Dingen ruht die Welt: auf dem Recht, auf der Wahrheit und auf dem Frieden“, sagen die Weisen (Sprüche der Väter 1, 18).

 

Rabbi Jakob, der Autor der „Turim“ verstand diesen Spruch der Weisen so: „Nach der Schöpfung hat die Welt durch diese drei Dinge Bestand. So ruht die Welt auf den Richtern, die zwischen den Menschen Recht sprechen, denn ohne Gericht ginge Gewalt vor Recht. Ebendies meinen auch die Weisen, wenn sie sagen, jedes Gericht sei Gericht der Wahrheit als Partner Gottes im Schöpfungswerk, denn Gott hat die Welt geschaffen, damit sie Bestand habe, die Übeltäter aber, die rauben und bedrücken, zerstören die Welt Gottes durch ihre Taten. Und wie wir es finden in der Generation der Sintflut, über die das Urteil einzig wegen Raubes verhängt wurde, wie geschrieben steht: „Das Ende alles Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen“ und gleich anschließend: „Siehe, ich will sie verderben mit der Erde“ (1. Mose 6, 13), so haben die Richter teil an der Erhaltung der Schöpfung Gottes, indem sie die erhobenen Arme der Übeltäter zerschmettern, ihnen die Beute entreißen und sie den Eigentümern zurückgeben. Und Abraham, unser Vater, kannte den HERRN noch nicht, und doch nannte Gott ihn „Der mich liebt“ – eben darum, weil er den Weg des Rechtes ging und seine Kinder darin unterrichtete, wie geschrieben steht: „Denn ich habe ihn erkannt, darum dass er seinen Kindern und Kindeskindern befiehlt, die Wege des HERRN zu halten und Gerechtigkeit und Recht zu üben“ (Gen. 18, 19).

 

f)        Wahrung der sittlichen Grenzen

 

Abraham sagte zu Abimelech, dem König der Philister: „Ich dachte, gewiss ist keine Gottesfurcht an diesem Ort, und sie werden mich um meiner Frau willen umbringen“ (1. Mose 20, 11).

 

Grenzenlose Freizügigkeit führt unweigerlich zur Auflösung der Gesellschaft. Die Familie ist die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens; wo sie zerbricht, wird der Aufbau menschlicher Gemeinschaft unmöglich.

 

Die Nächstenliebe beginnt zwischen den Partnern, die eine Familie aufbauen und ihre Liebe an die Kinder weitergeben. So wächst in der Gesellschaft ein gesundes Fundament der Sorge für den Mitmenschen.

 

Ungezügelte Freizügigkeit zerstört die Gesundheit der Seele und der Gesellschaft. Ein Mensch, der gemäß den Wegen des Schöpfers lebt, entspricht der Natur seiner Schöpfung. Wenn er davon abweicht, so weicht er vom geraden und guten Weg ab und wird womöglich in Dornen und Disteln geraten. Zuweilen verhängt Gott Strafen über den Menschen, um ihm die Augen zu öffnen.

 

Die Strafe der Sintflut kam wegen der Verderbtheit des sittlichen Verhaltens. „Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden. Da sprach Gott zu Noah: Das Ende alles Fleisches ist bei mir beschlossen“ (1. Mose 6, 12 – 13). Dies erläutert Raschi nach den Worten früherer Weisen: „Überall, wo sich Unzucht und Götzendienst finden, kommt Verwirrung in die Welt und tötet Gute wie Böse.“

 

Daher muss das Bemühen um den Bau der menschlichen Lebensgemeinschaft das Errichten von Barrieren zur Erhaltung der Sittlichkeit gegen ungezügelte Freizügigkeit beinhalten.

 

    3. Gute Eigenschaften

 

Nach den Worten der Weisen geht die gute Sitte der Tora voraus und kommt die Menschlichkeit vor der Heiligkeit. So sehr das gute Verhalten die Grundlage ist für alles andere, braucht der Mensch doch gewisse geistige Werkzeuge, durch die er sich gute Eigenschaften erwerben kann.

 

Grundlegendes kommt im folgenden Spruch der Väter zum Ausdruck:

 

„Eifersucht, Begierde und Ehrsucht bringen den Menschen aus der Welt“ (4, 21)

 

Zunächst einmal werden die menschlichen Triebe durchaus positiv gesehen. Sie sind dazu da, den Menschen überhaupt zu einer Tätigkeit zu bewegen. Die rabbinischen Weisen knüpfen an 1. Mose 1, 31 folgende Auslegung: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut! – sehr gut: dies bezieht auch den bösen Trieb ein; denn ohne den bösen Trieb würde der Mensch nicht heiraten, Kinder zeugen, ein Haus bauen oder einen Weinberg pflanzen, wie der Prediger Salomo sagt (Pred. 4, 4): „Ich sah alles Mühen an und alles geschickte Tun: da ist nur Eifersucht des einen auf den anderen.“ (Bereschit Rabba 9). Es sind die Triebe, die zur Werktüchtigkeit führen. Allerdings hat dies alles nur seine Berechtigung, solange der Mensch sich zügelt und alles wahrhaftig abwägt, was er tut. Andernfalls zerstört er sich und die Gesellschaft.

 

Die Eifersucht bringe den Menschen aus der Welt, sagten die Weisen Israels. Es gibt zum einen den Eifer der Gelehrten, der zu tieferer Einsicht und Erkenntnis führt; jemand sieht Menschen, die nützliche Dinge vollbringen, und dies mag ihn dann dazu führen, ihnen nachzueifern. Eifersucht kann sich aber auch darin zeigen, dass jemand Menschen hasst, die erfolgreicher sind als er, und er darum versucht, ihnen zu schaden. Es muss daher neben die Kraft der Eifersucht auch die Eigenschaft der Genügsamkeit treten, die sich mit dem Vorfindlichen zufrieden gibt.

 

Die Begierde bringe den Menschen aus der Welt, sagten die Weisen Israels. Die Begierde muss beherrscht und gezügelt werden, sowohl das geschlechtliche Verlangen als auch die Lust am Besitzen. Über den Geschlechtstrieb heißt es im Talmud: „Ein kleines Glied gibt es am Menschen, das ihn sättigt durch Hunger und hungrig macht durch Sättigung.“ Dies wird im Kommentar des Nachmanides zur Tora ausführlich erklärt. Er bezieht die Worte aus Dtn. 29, 18 – „damit die Sättigung den Durst mehre“ (Zunz) auf die gesättigte Seele des Menschen, die nach nichts Lust verspüre, was ihr nicht bekommen würde: „Wenn in diesem Zustand auch nur ein wenig Lust aufkommt und der Mensch dieser Lust folgt, so vermehrt er nur die Lust seiner Seele. Sie wird ein starkes Bedürfnis nach der Sache empfinden, derer nun der Mensch mehr bedarf als vorher oder die er in vermehrtem Maße tun muss. Der Mensch wird Lust auf weitere üble Dinge bekommen, die er vorher nicht begehrte. Denn wer sich schändlichem Umgang mit schönen Frauen hingibt, in dem wird dann auch die Lust auf homosexuellen Verkehr und Sodomie und alle weiteren Begierden aufkommen. Hierauf bezieht sich jener Ausspruch der Weisen, dass man sich sättige durch Hunger und hungrig werde durch Sättigung. Wer seiner Willkür folgt, füllt seine Seele mit Begierden, die über ihn Macht gewinnen; er vermehrt den Durst seiner gesättigten Seele, denn er wird begehren und Durst haben auf etwas, von dem seine Seele bereits satt war.“

 

Es ist der rechte Weg für den Menschen zu heiraten, Kinder zu zeugen und sein Leben im Rahmen der Familie zu führen. So nützt er sich selbst und dem gesellschaftlichen Leben. Die Ehe ist dazu da, Kinder hervorzubringen und die Partner miteinander zu verbinden; ihr erster Zweck ist nicht der bloße Lustgewinn. Wenn der Mensch in dieser Richtung denkt, wird die Einrichtung der Ehe ihre Kraft entfalten und sich als Hilfe zur geistigen Vervollkommnung erweisen. So wird der starke Trieb der Begehrlichkeit den Menschen nicht um diese und um die kommende Welt bringen können.

 

Die Ehrsucht bringe den Menschen aus der Welt, sagten die Weisen Israels. Wenn ein Mensch nach Macht und Berühmtheit strebt, so bringt ihn dies nur ins Unglück. Er entfernt sich von seiner geistigen Vollkommenheit durch den Stolz, von dem es heißt: „Ein stolzes Herz ist dem HERRN ein Greuel“ (Spr. 16, 5). Der Stolze hat sich von der Verbindung mit Gott getrennt, denn er will, dass ein ganzes Geschick in seinen eigenen Händen liege. Er will sich vor niemandem beugen, auch nicht vor dem Schöpfer der Welt. „Ich und sonst keiner!“, das scheint sein Wahlspruch zu sein. Er wird andere Menschen überfahren und so nicht mehr erträglich sein selbst für die eigenen Hausgenossen. Dagegen wird der Vorzug der gottzugehörigen Menschen in der völligen Verzichtsbereitschaft liegen; der Talmud sagt: „Wer beleidigt wird und nicht wieder beleidigt, wer Übles anhören muss und nicht solches erwidert, wer aus Liebe handelt und Bedrängte erfreut – denen gilt der Schriftvers: „Die den HERRN liebhaben, sollen sein, wie die Sonne aufgeht in ihrer Pracht!“ Ri. 5, 31. (Bab.Tal. Yoma 23 a)

 

Eine wichtige grundlegende Eigenschaft des Menschen ist die Dankbarkeit gegen jedermann. In der Tora wird Israel geboten, auch Ägypten gegenüber dankbar zu sein: „Den Ägypter sollst du nicht verabscheuen, denn du bist ein Fremdling in seinem Land gewesen“ (5. Mose 23, 8), d.h. du hast bei ihm Zuflucht gefunden in der Zeit der Not.

 

Entsprechend entschied einer der großen Toralehrer, der Gaon Rabbi Mosche Feinstein, dass es für jeden Menschen Pflicht sei, Vater und Mutter zu ehren. Auch wenn die Tora Israels dieses Gebot nicht ausdrücklich für die Völkerwelt verbindlich macht, so geht es hierbei doch um etwas, was aus dem Verbot der Undankbarkeit hervorgeht und als solches eine allgemein gültige Pflicht darstellt. Denn jeder Mensch hat sich vor ungehörigen Eigenschaften zu hüten.

 

Es ist geboten, sich soweit als möglich dem Schöpfer der Welt anzugleichen. „Das ist mein Gott, ich will ihn preisen“ (2. Mose 15, 2) deuteten die Weisen so: „Ich bemühe mich, ihm ähnlich zu sein; worin er barmherzig ist, will auch ich barmherzig sein; worin er gnädig ist, sollst auch du gnädig sein – und so für alle weiteren guten Eigenschaften.“

 

Die Gebote der Sittlichkeit und der Aneignung guter Eigenschaften sind zusammengefasst im Verbot der Unzucht und im Verbot des Essens vom Lebendigen, wobei letzteres die Eigenschaft der Grausamkeit betrifft.

 

Die sieben Grundgebote für die Nachkommen Noahs, also für das gesamte Menschengeschlecht, seien hier noch einmal im Überblick genannt:

 

  1. Das Verbot des Götzendienstes
  2. Das Verbot der Unzucht
  3. Das Verbot der Tötung von Menschenleben
  4. Das Verbot eines Gliedes vom lebenden Tier
  5. Das Verbot der Gotteslästerung
  6. Das Verbot des Diebstahls
  7. Das Gebot der Rechtspflege

 

Diesen Grundregeln wurden noch weitere Gebote hinzugefügt, die zum Teil unbedingt verbindlich sind, zum Teil von den Noachiten zusätzlich übernommen wurden.

 

 

Kapitel VI:  Einzelheiten der noachitischen Gesetze

 

Es ging uns bisher um die Darstellung der Gedanken, die den Sinngehalt der noachitischen Gebotsreihe und den positiven Wert ihrer Erfüllung deutlich machen; am Schluss sollen diese Gesetze nun der Reihe nach genannt und besprochen werden. Dies scheint die vernünftige Vorgehensweise zu sein – aber: Als Israel am Berg Sinai stand, finden wir das Umgekehrte. Sie sagten: „ Wir wollen tun und hören“ (2. Mose 24, 7), d.h. wir nehmen es auf uns, die Gebote zu erfüllen, und erst in zweiter Hinsicht suchen wir ihren Sinn zu erkennen und zu verstehen. Nach Auffassung der Weisen schätzte Gott diese Haltung sehr und sagte. „Wer offenbarte meinen Kindern dieses Geheimnis, von dem sonst nur noch meine Dienstengel wissen?“ Aus alledem entnehmen wir: Die tatsächliche Verwirklichung der Gebote ist von zentraler Bedeutung.

 

Allerdings ist die Ausrichtung des Menschen wichtig – „Gott will das Herz“, sagen die Weisen, Gott will den inneren Willen, der im Herzen wohnt. Wir wissen, dass sich Inneres und  Äußeres des Menschen gegenseitig beeinflussen. Sein Tun wirkt auch auf den inneren Gehalt seiner Persönlichkeit ein. Das „Buch der Erziehung“ schreibt über die Verwirklichung der Gebote: „Der Mensch wird gemacht gemäß dem, was er macht; sein Herz und alle seine Gedanken sind immer wie die Taten, deren er sich befleißigt, seien sie gut oder böse. So kommt der Ausführung der Gebote eine hohe Bedeutung für den Menschen zu.“

 

  1. Das Verbot des Götzendienstes

 

Dieses Gebot umfasst

 

a)     das Verbot, an Götzen oder an andere Kräfte außer Gott zu glauben. Vor allem darf die Existenz Gottes nicht geleugnet werden.

 

Wir haben bereits im vorhergehenden Kapitel betont, dass eines der grundlegenden Gebote für den Menschen darin besteht, sich um die Erkenntnis des Schöpfers und seiner Vorsehung zu bemühen, die eigene Weltanschauung gemäß den Grundlagen des Glaubens einzurichten und zur Erkenntnis der Einzigkeit des Schöpfers zu gelangen.

 

Das Verbot des Götzendienstes untersagt,

 

b)     Götzen zu verehren und an irgendeiner Art von Kult teilzunehmen, den Gläubige für einen Götzen durchführen, auch wenn man selbst nicht an ihn glaubt. Es ist verboten, Götzen anzubeten oder ihnen zu opfern, selbst wenn man dazu gezwungen wird. Allerdings ist nicht gefordert, dieses Glaubensgebotes wegen sein Leben hinzugeben – außer in einer Öffentlichkeit von zehn Personen, die um Gottes willen den Götzendienst verweigern.

 

Es ist verboten, Götzenbilder herzustellen, auch wenn man sie nicht selbst verehrt. Es ist auch verboten, ihnen Häuser oder ähnliches zu errichten. Es ist verboten, sie zu küssen, sie zu reinigen und alles andere, was Ausdruck von Verehrung sein könnte.

 

Es ist verboten, im Namen von Götzen zu schwören. Man soll sich nicht für irgendetwas auch nur interessieren, was mit ihrer Verehrung zusammenhängt, denn schon dadurch kann der Mensch zum Bösen beeinflusst werden. Man bringe sich keinen Götzen ins Haus. Erlaubt ist es allerdings, einen solchen zu zerstören, zu zerschlagen und die zertrümmerten Teile zu benutzen.

 

Man zeichne keine Götzenbilder, auch wenn dies lediglich zu ästhetischen Zwecken geschieht und nicht zur Verehrung.

 

Manche Weisen fügen diesen Geboten noch einige hinzu, die von den Noachiten auf sich genommen wurden:

 

aa) Das Verbot der Zauberei, also der Zukunftsschau etwa durch Betrachtung des Kaffeesatzes, einer Kristallkugel oder ähnlichem;

 

bb) Das Verbot der Wahrsagerei, also der Arten von Aberglauben, die dem Menschen gemäß dem Horoskop sagen, wann man etwas beginnen solle und wann nicht, der „Glaube“ an die Zahl „13“ oder die Furcht vor der schwarzen Katze, die über die Straße läuft, und ähnliches mehr;

 

cc) Das Verbot der Hexerei, das sich auf alle Arten von schwarzer Magie bezieht;

 

dd) Das Verbot der „Sympathie“, also der Verbindung verschiedener Personen durch Hyponose;

 

ee) Das Verbot der Beschwörung, also des Spiritismus, der Beschwörung und Befragung von Toten und weiteres.

 

  1. Das Verbot der Unzucht

 

Dem Gebot zu heiraten und Kinder zur Welt zu bringen entspricht das Verbot der Unzucht, also das Verbot des Ehebruches, des Inzestes, homosexueller Beziehungen und der Sodomie.

 

Zum Inzest gehören geschlechtliche Beziehungen zu Eltern, Geschwistern, Kindern und auch zu entfernteren Verwandtschaftsgraden. Man sollte hier auch keine missverständliche Zärtlichkeit üben.

 

Mit einer unverheirateten Frau darf ein Mann gegen ihren Willen keine Beziehung haben. Es ist ihm ebenso verboten, eine Minderjährige zu verführen. Die Noachiten haben allerdings das Verbot des Umgangs mit einer nichtverheirateten Frau überhaupt auf sich genommen und ebenso die Verpflichtung zur Zurückhaltung bei Zärtlichkeiten wie Küssen und Umarmen.

 

Hiob wird dafür gepriesen, dass er ein unverheiratetes Mädchen nicht einmal ansah, damit, im Falle einer Heirat mit einem anderen Mann, nicht irgendeine Art von Verbindung zwischen ihnen bestehen sollte: „Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau.“ (Hiob 31, 1).

 

Eine Frau gilt als verheiratet von dem Moment an, in dem die Partnerschaft zwischen ihnen beschlossen wird und eheliche Beziehungen aufgenommen werden. Es sollte darüber hinaus eine Art Zeremonie stattfinden, so wie man früher etwa einen Kaufpreis entrichtete oder ein Geschenk übergab.

 

Haben sich die Ehepartner zu einer Scheidung entschlossen und haben sich auf anerkannte Weise getrennt, so sind nach Ansicht der meisten Gesetzeslehrer beide, Mann und Frau, frei, sich wieder zu verheiraten.

 

Die ehelichen Beziehungen zwischen den Partnern sollen natürlich sein; der Mann soll sich seiner Frau nicht auf eine Weise geschlechtlich nähern, die ihr zuwider ist.

 

Es gibt unter den Weisen die Meinung, den Noachiten sei das Verderben von männlichem Samen, also die Onanie, verboten.

 

Ebenso sind den Frauen gleichgeschlechtliche Beziehungen verboten.

 

Der Mensch soll einen züchtigen Lebenswandel führen. Er soll seinen Körper nicht unkeusch entblößen. Im Talmud finden wir, dass auch eine verheiratete Frau ihr Haupt bedeckt hielt; im Falle einer Scheidung nahm sie dann die Kopfbedeckung ab zum Zeichen, dass sie geschieden sei.

 

Wird jemand zur Unzucht gezwungen, so soll er sich mit allen Kräften dagegen wehren; er ist allerdings nicht dazu verpflichtet, sich eher töten zu lassen als das Verbot zu übertreten, außer er befindet sich in einer Öffentlichkeit von zehn Juden oder Noachiten.

 

In das Verbot der Unzucht inbegriffen ist auch die Kopulation von Tieren verschiedener Arten, und die Kreuzung artverschiedener Bäume. Verboten ist die Kastration von Menschen und Tieren.

 

Von manchen Weisen wird neben dem bisher Gesagten auch die Leviratsehe für verpflichtend gehalten, also die Pflicht der Wiederverheiratung der Witwe eines kinderlos Verstorbenen innerhalb seiner Familie.

 

  1. Das Verbot der Tötung von Menschenleben

 

Es ist verboten zu töten – ob Mann oder Frau, Greis oder Embryo im Mutterleib. Auch die Tötung eines todkranken Menschen ist verboten, selbst wenn er keinerlei Lebenschance mehr hat und selbst wenn er inständig darum bittet, seinem Leben ein Ende zu setzen. Daher sind auch Organtransplantationen, die eine Beeinträchtigung der Lebenserwartung des Organspenders erwarten lassen, verboten.

 

Auch hat der Mensch kein Recht, an sich selbst Hand anzulegen und sich das Leben zu nehmen oder es auch nur grundlos in Gefahr zu bringen. Der Mensch hat vielmehr sein Leben zu bewahren, für seine Existenz Sorge zu tragen und sich um seine Gesundheit zu bemühen.

 

Die Todesstrafe für Verbrecher und Gesetzesübertreter darf ausschließlich nach gerichtlicher Anordnung vollzogen werden.

 

Wenn ein Mensch verfolgt wird und er sich schützen kann, ohne das Leben seines Verfolgers anzutasten, so ist ihm das Töten verboten. Kann sich aber der Verfolgte nicht durch Flucht oder irgendwie sonst vor der Bedrohung retten, so ist es ihm erlaubt, seinem Verfolger zuvorzukommen und sein eigenes Leben dadurch zu bewahren, dass er ihn tötet – „Steh auf, den zu töten, der kommt, um dich zu töten“.

 

Entsprechend rettet man auch eine schwangere Frau bei lebensgefährlichen Komplikationen durch die Tötung des Fötus.

 

Das Töten des Feindes in einem Krieg, der zur Selbstverteidigung geführt wird, ist im Sinne der Notwehr zulässig, wie oben erklärt wurde. Ein Angriffskrieg jedoch darf nicht geführt werden, außer es geht um die Rettung des Lebens anderer Menschen, die in Gefahr sind.

 

Wird jemand unter Todesandrohung gezwungen, einen anderen zu töten, ist ein Mord dennoch nicht erlaubt, auch wenn es das eigene Leben kostet; für den Fall jedoch, dass durch die Auslieferung einer Geisel das Leben vieler gerettet werden kann, mag dies statthaft sein; dies ist allerdings eine Bestimmung, die nur unter Noachiten, nicht aber unter Israel gilt.

 

Es ist verboten, Menschen zu schlagen; im Rahmen der Erziehung durch Eltern und Lehrer mag es Grenzfälle geben, wo dies erlaubt ist. Das Verbot des Schlagens ist allerdings strenger ausgelegt in der auf Israel bezogenen Weisung als bezüglich der Noachiten.

 

  1. Das Verbot eines Gliedes vom lebenden Tier

 

Es ist verboten, Fleisch von einem Tier zu essen, das noch am Leben ist – ob Vieh oder Geflügel; ebenso unterliegt das Blut von einem noch lebenden Tier dem Verbot.

 

Einige der Weisen erlauben den Genuss eines Tieres, das von selbst verendet ist, während andere dies verbieten und eine besondere Schlachtung vorschreiben; dabei sollen dem Tier die Halsschlagadern durchschnitten werden, da auf diese Weise die Verbindung zwischen Gehirn und Herz zertrennt wird und das Tier keine unnötigen Schmerzen zu erleiden hat. Diese Methode ist dem Elektroschock vorzuziehen, da der Stromschlag die Schmerzempfindungen des Tieres oftmals nicht verhindert.

 

Wird ein Tier geschlachtet, indem sein Hals durchgetrennt wird, so dürfen seine Innereien nicht verzehrt werden; Leber, Lunge und alle Organe, die mit der Luft- oder Speiseröhre verbunden sind, gelten dabei als „Glieder vom lebenden Tier“ und fallen unter das Verbot. Hingegen ist bei einer Schlachtung, die den Hals des Tieres unversehrt lässt, der Genuss jener Organe erlaubt, auch wenn dabei die empfohlene Weise des Schlachtens nicht eingehalten wird.

 

Im Falle eines toten Tieres, das schon zu Lebzeiten geschwächte Gliedmaßen hatte, sind sich die Weisen über ein Verbot des Genusses nicht einig. Gleiches gilt für den Fall, dass eine Speise zusammen mit Fleisch zubereitet worden ist, von dem nicht klar ist, ob es von einem lebenden oder einem geschlachteten Tier stammt.

 

Dass der Genuss von Menschenfleisch ausgeschlossen ist, wird von den Völkern akzeptiert.

 

Im Grundsatz geht es bei all diesen Geboten um die Barmherzigkeit gegenüber den Lebewesen. Es darf Tieren kein Schmerz zugefügt werden, es sei denn zum Nutzen für den Menschen, etwa zur Arbeit oder zu medizinischen Versuchen, insofern sie für das Wohl des Menschen unerlässlich sind.

 

  1. Das Verbot der Gotteslästerung

 

Es ist verboten, Gott zu verfluchen, und ebenso, geringschätzig über Gott zu reden.

 

Positiv beinhaltet dies, die Weisung Gottes zu ehren und die Schriften zu achten, in denen diese Weisung niedergelegt ist.

 

Es ist dem Menschen verboten, eine neue Religion einzuführen, zumal wenn er sich darauf beruft, sie von Gott empfangen zu haben; dies ist als falsche Prophetie zu betrachten und steht unter strengstem Verbot.

 

Jedem Menschen ist aufgetragen, die ihm geltenden Gebote zu studieren, also die sieben noachitischen Weisungen, alle damit zusammenhängenden Einzelheiten und die weiteren Pflichten, die allen Menschen obliegen. Demgegenüber gibt es ein Verbot, diejenigen Teile der Tora zu studieren, die ausschließlich Israel gelten.

 

  1. Das Verbot des Diebstahls

 

Niemand darf seinem Mitmenschen irgendetwas stehlen, sei es auch nur von geringem Wert.

 

Es ist ein Gebot, dem Arbeiter seinen Lohn nicht vorzuenthalten. Umgekehrt ist es nicht erlaubt, ohne Zustimmung des Arbeitgebers von dem zu genießen, womit man sich von Berufs wegen beschäftigt – außer das Religionsgesetz oder der Arbeitsvertrag gestatten dies.

 

Es ist verboten, etwas zu stehlen, auch wenn es in der Absicht geschieht, es wieder zurückzugeben.

 

Man darf nicht Zoll oder Steuern hinterziehen. Der Besitz oder die körperliche Unversehrtheit anderer darf nicht geschädigt werden. Der Betrug bei Geschäften ist verboten; wer eine Sache veruntreut, muss für den Schaden aufkommen und muss, wenn die Landesgesetze dies vorsehen, das Verlorene, Gestohlene oder Geraubte ersetzen.

 

Kriegsbeute aus einem rechtmäßig geführten Krieg gehört den Eroberern, wird nicht als Raub betrachtet und muss nicht zurückgegeben werden.

 

Es ist dem Menschen verboten, das Geld seines Nächsten zu begehren, also darüber nachzudenken, wie er auf irgendwelchen Wegen an das herankommen könnte, was dem andern gehört.

 

Das oben genannte Verbot des Studiums der Tora, die ausschließlich Israel gehört, kann auch als Bestandteil des Diebstahlsverbotes verstanden werden.

 

  1. Das Gebot der Rechtspflege

 

Es sind Richter einzusetzen, die in zivilen Angelegenheiten Recht sprechen und die Öffentlichkeit zur Verwirklichung der sieben Grundgebote anhalten. Dem Menschen obliegt die Pflicht zur Rechtspflege, sie liegt in seinem Verantwortungsbereich.

 

Die Richter haben nach den Grundsätzen der Anständigkeit Recht zu sprechen, die an ihrem jeweiligen Ort gelten; es wird auch die Auffassung vertreten, die Rechtssprechung müsse nach den Bestimmungen der Tora Israels erfolgen.

 

Es ist den Richtern verboten, Bestechungsgeld zu nehmen oder das Recht zugunsten einer Seite zu beugen.

 

Grundsätzlich hat sich jeder an ein Gericht zu wenden und darf das Recht nicht in seine eigenen Hände nehmen.

 

  1. Das Verbot der Schabbatruhe und der Schabbat der Noachiten

 

Nach Meinung des Maimonides besteht dieses Verbot aufgrund dessen, dass durch die Schabbatruhe eines Nichtjuden eine Art neue Religion eingeführt würde. Aus der Sicht des Maimonides ist es einem Noachiten dann erlaubt, am Schabbat zu ruhen, wenn dies im Bewusstsein geschieht, dass die Ruhe zwar Israel auferlegt ist, er selbst es jedoch nicht aus religiöser Pflicht tut.

 

Schon Philo von Alexandrien erwähnt, dass der Schabbat unter den Völkern starkes Interesse gefunden und das Bedürfnis geweckt habe, ihn einzuhalten.

 

Raschi führt das Verbot auf die Bestimmung der Menschen zurück, die Welt durch ihre Arbeit zu entwickeln, und insofern sie dies unterließen, entzögen sie sich ihres Auftrages. Nach Raschi wäre also dem Noachiten die Schabbatruhe auch dann verboten, wenn er sie nicht aus religiösen Gründen einhielte.

 

Trotzalledem ist es dem Menschen erlaubt zu ruhen, wenn er der Ruhe bedarf und einen Ruhetag einzuhalten – allerdings nicht als eine religiöse Einrichtung.

 

Davon abgesehen ziemt es dem Menschen durchaus, eine Art Schabbat zu fühlen und zu erleben; er kann diesen Tag gestalten als Tag des Studiums oder der Ruhe im Schoße der Natur, um die Kreatur zu betrachten und an den Schöpfer der Welt zu denken; dies alles kann er tun, nachdem er irgendeine Art von „Arbeit“ verrichtet hat, wie das Frühstück zu bereiten oder Licht anzuzünden – er muss einfach klar zum Ausdruck bringen, dass er sich nicht der Arbeiten enthält, die das Religionsgesetz Israels für den Schabbat untersagt.

 

Erich Fromm drang tief ein in das Verständnis des Schabbat. Für ihn symbolisiert der Schabbat einen vollkommenen, harmonischen Zustand zwischen Mensch und Natur und zwischen Mensch und Mensch. Die Nicht-Arbeit bedeute den Verzicht auf jeglichen Eingriff in den natürlichen und sozialen Verlauf der Dinge; wenn auch nur für einen Tag befreie sich der Mensch von den Verkettungen mit der Natur und von den Fesseln der Zeit.

 

Die volle Bedeutung dieses Gedankens wird verständlich im Zusammenhang mit der biblischen Auffassung von Mensch und Natur. Vor dem Fall lebte der erste Mensch in vollendeter Harmonie mit der Natur. Der erste Ungehorsam „öffnete ihm die Augen“, so dass er zwischen gut und böse zu unterscheiden wusste, sich seiner selbst und seines Mitmenschen bewusst wurde, dem er ähnlich ist und von dem er sich doch durch die jedem Menschen aufgeprägte Eigenart unterscheidet; ihm ist er verbunden durch die Bande der Liebe und bleibt doch allein; hier nahm die menschliche Geschichte ihren Anfang – unter dem Fluch Gottes wegen des Ungehorsams seiner Menschen. Und worin bestand der Fluch? Feindschaft und Kampf wurden ausgerufen zwischen Menschen und Tieren: „Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir (Schlange) und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen“ (1. Mose 3, 15), Feindschaft zwischen Mensch und Erde: „Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln  soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist“ (1. Mose 3, 17 – 19), Feindschaft zwischen Mann und Frau: „Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, er aber soll dein Herr sein“ (Vers 16 b), Feindschaft zwischen der Frau und ihren natürlichen Aufgaben: „Unter Mühen sollst du Kinder gebären“ (Vers 16 a). Die ursprüngliche Harmonie verwandelte sich durch diesen einseitigen Vertrauensbruch in Gegnerschaft und Kampf.

 

Was aber ist – in den Augen der Propheten – seitdem das Ziel des Menschen? Umzukehren und in Harmonie zu leben mit dem Nächsten, mit der belebten Welt, mit der Erde und mit der unbelebten Natur. Die neue Harmonie ist anders als die im Garten Eden, der Mensch muss sie erst gewinnen durch die Entwicklung seiner eigenen Persönlichkeit, dadurch dass er recht lebt, die Wahrheit erkennt und Gerechtigkeit übt. Er wird die Harmonie erlangen, wenn er die Kräfte seiner Vernunft auf den Punkt ausrichtet, der ihn befreit von der Knechtschaft durch andere Menschen und von der Unterjochung durch unvernünftige Begierden. Die Ausblicke der Propheten zeichnen immer wieder diesen Gedanken: Die Erde wird wieder voll ihrer Früchte sein ohne Ende, Schwerter werden zu Pflugschafen, Wolf und Lamm werden miteinander in Frieden wohnen, Krieg wird nicht mehr sein, die Frauen werden ohne Schmerzen Kinder gebären, die ganze Menschheit wird sich um Wahrheit und Liebe vereinen.

 

Diese erneuerte Harmonie ist die Vollkommenheit, die das Ziel der menschlichen Geschichte ausmacht und in der Gestalt des Messias ihr Symbol findet.

 

Von dieser Grundlage her können wir erst die volle Bedeutung des Schabbat und seiner Regeln verstehen. Erst so wird verständlich, warum jemand, der den Schabbat hält, das Verbot beachtet, nichts von irgendeiner Pflanze abzureißen oder auch nur ein Taschentuch von einem Grundstück zu einem anderen zu tragen, auch wenn dies von der Schwere der Arbeit her überhaupt nicht ins Gewicht fallen mag.

 

Es ist den Noachiten nicht auferlegt, den Schabbat so zu halten wie die Israeliten; dennoch ist es durchaus erlaubt und angemessen, die Idee des Schabbat in erzieherischer Hinsicht aufzunehmen, wie wir oben ausgeführt haben.

 

Der Schabbat ist ein Vorbote der messianischen Zeit; die Zeit des Messias wird als „Tag“ bezeichnet, der ganz und gar Schabbat ist.

 

Der Schabbat ist eine Besonderheit des Volkes Israel. Wie wir sehen, begannen die Christen mit dem Schabbat und gingen dann zum Sonntag über; ebenso begannen die Moslems mit dem Schabbat und gingen dann zum Freitag über – einzig Israel hielt am Schabbat fest. So formulierten die Weisen bereits vor 2300 Jahren im Morgengebet am Schabbat: „und nicht gabst du ihn (den Schabbat) den Weltvölkern, du unser Gott, und nicht hast du ihn den Götzendienern anvertraut, du unser König, sondern deinem Volk Israel hast du ihn aus Liebe geschenkt.“

 

Nichtsdestoweniger kann sich hier jeder Mensch anschließen, ja es gibt sogar die Meinung, dass jeder Noachit, der als befreundeter Beisasse (hebr.: ger toschav – der Noachit, der die sieben Gebote hält, gilt als ger toschav; der Proselyt gilt als ger zedek und wird als Jude im Vollsinn anerkannt) betrachtet wird, insoweit auf die Schabbatruhe verpflichtet sei, dass er keine unnötige Feldarbeit verrichte (Raschi zu Bab.Tal. Jevamoth 48). Es gibt auch Lehrauffassungen, die dem Noachiten jegliche Arbeit am Schabbat untersagen, ausgenommen diejenigen, die den Israeliten an Feiertagen erlaubt sind (Bab.Tal. Kerethoth 9 a), wie etwa zu kochen oder Licht anzuzünden.

 

Der Schabbat spielt eine zentrale Rolle in dem Glauben, dass Gott die Welt geschaffen und am siebten Tag geruht hat; zu diesem Glauben gehört das Halten des Schabbat. Und wie ein Noachite an Gott glauben soll, so sollte er auch den Schabbat bewahren, der eine Grundlage des Glaubens bildet.

 

In der Auslegung durch Rabbiner Samson Raphael Hirsch gibt die Schabbatruhe Zeugnis ab vom Werk des Schöpfers:

 

„So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer“ (1. Mose 2, 1). Sie wurden vollendet. Sie sind nicht nur entstanden in der Zeit, - das Kleinste und das Größte, das Einzelne wie das Ganze ist der Ausdruck, die Verwirklichung eines Gedankens Dessen, der nicht geruht, bis er seinen Gedanken ausgeführt, bis er seinen Gedanken vollendet. Die Vollendung seines Gedankens steht vor dir, und Ihn, den Denkenden, der den Gedanken dieser Welt so voll von Gegensätzen und Harmonie, so voller Zwietracht und voller Frieden, voller Hass und voller Liebe, Ihn, der den Gedanken dieser so kämpfenden und doch so einheitlichen Welt gedacht und vollbracht, Ihn weist dir der Schabbat.“ (Samson Raphael Hirsch, Gesammelte Schriften, Bd. 1, Frankfurt 1902, S. 175)

 

  1. Gebet

 

Es gebührt jedem Menschen, zu Gott zu beten, wenn er in Not ist, wenn er Hilfe braucht oder zu jeder Zeit, da sein Leben eine Wende nimmt. Er spreche in einfachen Worten, wie ein Sohn seinen Vater bittet, oder er kann zu entsprechenden Psalmen greifen, die seine Situation ausdrücken.

 

Das Gebet richte sich ausschließlich an Gott und nur an ihn allein, nicht an einen Engel oder an irgendein anderes Wesen außer Gott.

 

Man spreche jeden Morgen und jeden Abend den Vers: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer“ (5. Mose 6, 4) – schma jisrael adonaj elohenu adonai ächad - , um den Glauben an die Einzigkeit Gottes in seinem Herzen zu stärken.

 

Erfährt der Mensch im Leben Erfolg und Glück, ziemt es ihm, durch Lobpsalmen seinen Dank zum Ausdruck zu bringen.

 

  1. Barmherzigkeit und Almosen

 

Jeder Mensch sollte sich mit Dingen befassen, die anderen helfen können. Auch in unserer Zeit, in der von Staats wegen für die Bedürftigen gesorgt wird, gibt es für jeden noch genug Raum, dem Nächsten zu helfen. Dies kann ein gutes Wort sein, eine Freundlichkeit oder eine Ermunterung des anderen, ein Besuch bei einem einsamen Menschen, dies kann eine Hilfeleistung beim Ausleihen von irgendwelchen Gegenständen oder auch bei finanziellen Schwierigkeiten sein; es wäre gar daran zu denken, sich gewisse Dinge anzuschaffen mit dem Zweck, sie auszuleihen und es anderen damit leicht zu machen, sie in Anspruch zu nehmen.

 

Das Almosengeben soll den Freunden und Verwandten und darüber hinaus allen Bedürftigen zugute kommen. Manche machen die Regel des Zehnten für sich verbindlich und stellen 10 % ihres Nettoverdienstes wohltätigen Zwecken zur Verfügung.

 

  1. Das Verbot des Meineides

 

Es ist dem Menschen verboten, unter Eid falsche Aussagen zu machen. Was jemand unter Eid verspricht, ist auch zu halten. Der Mensch soll sich darum mühen, zu jeder Zeit die Wahrheit zu sagen.

 

Die Weisen sagten, das Siegel Gottes sei die Wahrheit und durch die Wahrheit nähere sich der Mensch seinem Schöpfer.

 

So wichtig die Wahrhaftigkeit ist, muss man doch sein Reden ändern, wenn der Nächste dadurch vor Verlust, Schaden oder Schande bewahrt werden kann; dies ist ein Fall, in dem man seine Sprache verstellen darf, um den anderen zu retten – freilich ohne dass damit einem Dritten Schaden zugefügt wird.

 

Auch vermeintlich kleine Unaufrichtigkeiten sind zu meiden. So sollte man nicht jemanden einladen in dem Wissen, dass der andere ohnehin nicht werde kommen können oder wollen.

 

 

Kapitel VII: Die Auffassung der Tora von dieser und der kommenden Welt

 

„Diese Welt gleicht einer Vorhalle und die kommende Welt einem Festsaal; bereite dich in der Vorhalle, damit du eintretest in den Festsaal“ (Sprüche der Väter 4, 16). „Besser ist eine Stunde der Umkehr und der guten Taten in dieser Welt als alles Leben in der kommenden Welt; aber besser ist eine Stunde der Freude in der kommenden Welt als alles Leben in dieser Welt“ (Sprüche der Väter 4, 17).

 

Gott bejaht das Leben des Menschen. Gott will das Leben – dies ist in den Büchern Mose und bei den Propheten breit bezeugt. Wir lesen in 3. Mose 18, 5: „Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben; ich bin der HERR.“ Auch die rabbinische Auslegung betont, dass sich Gottes Weisung auf das Leben des Menschen richte: „durch sie leben – und nicht durch sie sterben“; von diesem Grundsatz aus lehrten die Weisen, dass um der Lebenserhaltung willen die Schabbatgebote zurückzutreten hätten (Bab.Tal. Yoma 85). Gott liebt das Leben des Menschen mehr als seine Weisungen – und zwar das Leben in dieser Welt (vgl. Raschi zu Bab.Tal. Sanhedrin 74).

 

Als König David erfuhr, dass er an einem Schabbat sterben werde, bat er, einen Tag früher sterben zu dürfen. Gott habe ihn, so sagen die Weisen im Talmud, an den Psalmvers erinnert: „Ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend“ (Ps. 84, 11) und habe hinzugefügt: „Ein Tag, an dem du dich mit der Tora beschäftigst, ist mir lieber als tausend Brandopfer, die dein Sohn Salomo darbringen wird.“ (Bab.Tal. Schabbat 30). Ein recht gelebter Tag in dieser Welt ist mehr wert als einen Tag früher in der kommenden Welt zu sein.

 

Der Midrasch (Yalkut Schimoni, Parascha „Wajelech“) erzählt, dass Mose Gott gebeten habe, doch in dieser Welt bleiben zu dürfen, sei es als wildes Tier oder als Vogel; denn jedes Geschöpf hat eine geistige Aufgabe in dieser Welt. Mose wollte weiter in dieser Welt schöpferisch tätig sein können und nicht schon in die kommende Welt eintreten, die eine Welt der Belohnung ist ohne Raum für weiteres geistiges Schaffen.

 

Weshalb aber messen wir dieser Welt eine so hohe Bedeutung bei, die doch nur eine Vorhalle und eine Durchgangsstation zur eigentlichen Welt ist, zur kommenden Welt der Nähe Gottes, der ewigen Freude und der Vollendung der Schöpfung? Weshalb heißt es, eine Stunde der Umkehr und der guten Taten in dieser Welt sei besser als alles Leben in der Kommenden Welt? Werden da nicht doch Weg und Ziel miteinander vertauscht?

 

Man soll Gott nicht dienen um des Lohnes willen in der kommenden Welt, sondern soll Gott dienen hier und jetzt um seiner selbst willen; darum wird die Lebensführung in dieser Welt so stark betont. „Tu wohl und belohne deinen Knecht dadurch, dass ich lebe und deine Worte halte“, bittet der Psalmbeter den HERRN (Ps. 119, 17); jetzt leben und Gottes Worte halten zu können, ist ihm teurer und wertvoller als alle Wohltaten des Paradieses.

 

Diese Welt ist eine Welt des Handelns und Arbeitens, die kommende Welt ist die Welt der Belohnung. Der wahre Diener Gottes freut sich mehr an seinem Dienst als über den Empfang des Lohnes.

 

Über den Gaon von Wilna wird erzählt, dass er in der Stunde seines Todes weinte; er müsse nun eine Welt verlassen, in der man leicht die Gebote Gottes halten könne – das Gebot des Zizittragens wiege alle Gebote auf - , und er gehe nun über in eine Welt, in der es keine Möglichkeit mehr gebe, die Gebote des HERRN zu halten.

 

Im Buch des Predigers Salomo steht geschrieben: „Es ist das Licht süß, und den Augen lieblich, die Sonne zu sehen“ (11, 7). Eine Auslegung zu diesem Vers betont, der Mensch solle sich aller Tage seines Lebens freuen, an denen er seinem Schöpfer dienen kann und noch nicht aus dem Licht des Lebens in die Nacht der Untätigkeit verbannt ist; so sagt auch der Psalmist: „Wer wird dir bei den Toten danken?“ (Ps. 6, 6)

 

Der Gottesdienst, den Weisungen Gottes zu folgen, ist uns gerade in dieser Welt aufgegeben, in der Wirklichkeit des Alltags und in der Körperlichkeit unseres Daseins. Der Wirkungsbereich der Gottesgegenwart (hebräisch: schechina) wird vor allem unten auf der Erde gesehen und nicht nur im Himmel. Es sprachen die Weisen: „Der HERR will wie im Himmel so auch auf Erden wohnen.“ (Tanchuma, Parascha „Bechukotai“. 3) Es ist somit die grundsätzliche Bestimmung der Welt seit ihrer Erschaffung, sich zu heiligen und zu erheben und sich der göttlichen Einwohnung würdig zu erweisen. Darum beschäftigt sich die Tora mit den Belangen des weltlichen, körperlichen Lebens; keine alltägliche Sache ist zu verächtlich oder zu gering, als dass sie nicht im Rahmen der Weisung Gottes ihren Platz finden könnte. Die Tora will alle Bereiche des Lebens umfassen, vom Schnüren der Schuhbänder am Morgen bis zur intimsten Sphäre des Menschen. Die Gebote Gottes zielen nicht auf die Verneinung der Körperlichkeit, sondern auf ihre Durchdringung und Erhöhung auf Gott hin. Diese Läuterung des Körperlichen ist der göttliche Wille in der Schöpfung. Gerade sie ist es, die zur Annäherung an Gott führt, und nicht irgendeine Leibfeindlichkeit.

 

Bei alledem kann es also nicht verwundern, dass dem Leben in dieser Welt eine so hohe Bedeutung zugeschrieben wird. Es ist in der Tora vom Lohn der kommenden Welt nicht ausdrücklich und betont die Rede, eine Tatsache, die den Auslegern des Talmud einige Schwierigkeiten bereitet hat. So viel ist zu sagen, dass jener Lohn in der unmittelbaren Beziehung der Seele zu Gott bestehen wird; das Ziel der Tora ist es, eine solche Beziehung bereits in dieser Welt zu ermöglichen. Das höchste Ideal besteht nach den Worten des Nachmanides (Kommentar zu 5. Mose 11, 22) darin, dass der Mensch schon zu seinen Lebzeiten „Wohnung der Schechina“ sei. Dem vollkommenen Menschen sind auch die irdischen Dinge heilig, er lebt sozusagen schon in dieser Welt im Paradies.

 

Nach der Auffassung des Maimonides sind Lohn und Strafe nichts anderes als zugesagte Hilfestellungen für den rechten Gottesdienst, nicht aber im wörtlichen Sinne Lohn und Strafe: Wer die Gebote erfüllt, habe seinen Lohn darin, dass ihm all die körperlichen und irdischen Hindernisse aus dem Weg geräumt werden und er Gott wahrhaft dienen kann. Entsprechend verhalte es sich, Gott behüte!, mit der Strafe.

 

Lohn und Strafe sind darum nicht ausdrücklich in der Tora erwähnt, weil die Weisung Gottes auf den Dienst in dieser Welt nicht um des Lohnes willen abzielt.

 

Die Heiligung des irdischen Lebens ist ein tief verwurzeltes Ideal in der jüdischen Tradition. So erzählt der Talmud:

 

Rabbi Schimon ben Jochaj und Rabbi Elasar mussten sich unter der römischen Besatzung Palästinas viele Jahre in einer Höhe verbergen. Dort leben sie in völliger Abgeschiedenheit, ganz auf Gott und sein Wort bezogen, und erreichten eine hohe Vollkommenheit in der Tora. Als sie ihr Versteck wieder verlassen konnten, kamen sie an Feldern vorbei und sahen Leute pflügen und säen. Dies konnten sie nicht verstehen, und riefen: „Sie lassen das ewige Leben und befassen sich mit dem zeitlichen Leben!?“ Und alles, worauf ihr zorniger Blick fiel, ging in Flammen auf. Da ertönte die Himmelsstimme: „Seid ihr herausgekommen, um meine Welt zu zerstören? Kehrt in eure Höhle zurück!“ Zwölf Monate später verließen sie wiederum ihre Höhle, aber Rabbi Elasar hatte sich noch immer nicht beruhigt. Am Vorabend des Schabbat sahen sie einen Greis mit zwei Myrtensträußen durch die Dämmerung laufen. Da fragten sie ihn: „Wozu brauchst du diese?“ Er erwiderte ihnen, diese beiden Sträußchen seien zu Ehren des Schabbat, von dem einmal geboten sei, seiner zu gedenken (2. Mose 20, 8) und ein andermal, ihn zu bewahren (5. Mose 5, 12). Als sie das hörten, beruhigen sich ihre Gemüter (Bab.Tal. Schabbat 33 b).

 

Durch diese Begegnung verstanden sie die erhabene Bedeutung des einfachen Tuns, das wie unnützer Zeitvertreib erscheint, in Wahrheit aber auf die ewigen Dinge hinweist und so das vergängliche Leben heiligt.

 

Der vollkommene Mensch zieht sich nicht wie ein Mönch völlig aus der Welt zurück, er lässt sich vielmehr auf sie ein und gestaltet sie in Heiligkeit und Reinheit. Ihm ist die Welt ein Feld geistigen Handelns, eine Welt, die noch nicht schon in sich selbst ihr Ziel gefunden hat; ein solcher Mensch wird sich nicht an die Annehmlichkeiten und Zerstreuungen dieser Welt verlieren. Er sieht in der stofflichen, körperlichen Welt nicht die Wurzel des Bösen, auch nicht in sich schon etwas Göttliches, sondern erkennt sie als das Gebilde des Schöpfers in ihrer geistigen Dimension.

 

Der fromme Autor der „Herzenspflichten“ schreibt über die richtige Einstellung zu dieser Welt:

 

„Du musst aufhören, deine unvergängliche Seele deinem vergänglichen Körper vorzuziehen und deine ganze Aufmerksamkeit nur auf sie zu richten. Du sollst die Bedürfnisse deines Körpers nicht vernachlässigen, ihn nicht belasten oder schwächen. Solches wird zu einer Beeinträchtigung beider führen, der Seele und des Körpers. Gib deinem Körper die Nahrung, die ihn bei Kräften hält; und deiner Seele gib Weisheit und sittliche Ermahnung im Überfluss.“ (Bachya Ibn Pakuda, Lehrbuch der Herzenspflichten, IV, Kap. 3)

 

Es scheint nun eine Ausnahme zu bestehen, in der das körperliche Leben nicht das höchste Gut darstellt, nämlich in der Verpflichtung zur „Heiligung des Namens Gottes“, zum Märtyrertod. Aber es ist kein Widerspruch zwischen der hohen Auffassung der Tora vom Leben einerseits und dem Gebot der Heiligung des Gottesnamens andrerseits. Denn die Hingabe des Lebens erfolgt nicht aus einer Verachtung dieser Welt. Im Gegenteil! Gerade die Erziehung zur Heiligung des Lebens in all seinen Bereichen und das Bestreben, ein erfülltes geistiges Leben zu führen, sind die Grundlage auch für die Hingabe des Lebens in der Stunde, in der es nötig ist. Gerade das Bewusstsein, dass das Leben in dieser Welt ein „Paradies auf Erden“, erfülltes, wahres Leben sein kann; führt zu der Überzeugung, dass die Hingabe des Lebens vorzuziehen sei gegenüber einem von der Weisung Gottes getrennten, inhaltsleeren Leben. Der Talmud sagt von den Gottlosen, sie seien in ihrem Leben bereits tot zu nennen, die Gerechten jedoch leben, selbst wenn sie sterben (Bab.Tal. Brachoth 18)

 

Ein Leben, dessen Ziel die Heiligung des Gottesnamens ist, gelangt gerade in der Hingabe des Lebens zur höchsten Vollkommenheit. Dies kommt in der talmudischen Erzählung vom Martyrium Rabbi Akivas unter der Römerherrschaft zum Ausdruck:

 

„Als man Rabbi Akiva herausführte, um ihn zu töten, war es die Zeit, da man im Gebet das „Höre Israel“ sagte. Als sie nun sein Fleisch mit eisernen Striegeln kämmten, richtete er seinen Sinn darauf, das Joch der Königsherrschaft Gottes in Liebe auf sich zu nehmen (d.h. er sprach das „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer! Und du sollst den HERRN, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“ (5. Mose 6, 4 – 5). Da sagten seine Schüler zu ihm: „Rabbi, bis dahin?!“ Er antwortete ihnen: „Immer schon habe ich mich gegrämt wegen dieses Verses „von ganzer Seele“, der bedeutet: „selbst wenn er die Seele nimmt“, und ich sagte mir: „Wann wird der Tag kommen, an dem ich diesen Vers werde erfüllen können?“ Und nun, da ich es kann, sollte ich ihn nicht erfüllen?!“ (Bab.Tal. Brachot 61 b)

 

Rabbi Akiva verstand sein ganzes Leben als einziges Streben nach der Hingabe seiner Seele um der Heiligung des Gottesnamens willen. Im Martyrium ist die Verwirklichung des Lebensziels erreicht; solch ein Sterben ist nicht einfach das Ende des Lebens, sondern seine Fortsetzung.

 

Vergleichen wir die Auffassung der Tora von den beiden Welten mit der Ansicht, die von anderen Religionen vertreten werden, so zeigt sich folgendes:

 

Die Muslime sehen im „Jenseits“ eine Art verbessertes „Diesseits“, in dem die leiblichen Genüsse im Vordergrund stehen. Dagegen wurde etwa von Maimonides eingewandt, dass sich der Lohn der kommenden Welt auf die geistig-seelische Seite des Menschen beziehe und nicht auf die Bedürfnisse des sterblichen Körpers (Maimonides, Mischne Tora, Tschuva 8, 6).

 

Die Christen verstanden einerseits die geistig-seelische Wirklichkeit der kommenden Welt, verkannten aber andrerseits die Wichtigkeit der diesseitigen Welt. In christlicher Sicht ist die Welt Quelle des Bösen, und das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt. Daher hat sich der christliche Fromme von der Welt zu scheiden.

 

Die Auffassung der Tora – von Gott selbst durch die Propheten und Weisen wahrhaftig gelehrt – offenbart uns, dass diese Welt in keiner Weise die Quelle des Bösen ist. Im Gegenteil! Es gibt nichts in dieser Welt, was nicht eine geistige Dimension hätte. Diese Welt ist nicht mehr und nicht weniger als die „Vorhalle zum Festsaal“ der kommenden Welt, die ganz und gar Geistigkeit und Heiligkeit ist. Von materiellem Lohn zu sprechen, wäre hier abwegig und lächerlich. Der wahre Lohn besteht in der Annäherung und am Festhalten an Gott selbst; tiefere Erfüllung kann es nicht geben. Der Dienst des Menschen in der „Vorhalle“ ist die „Eintrittskarte“ zum „Festsaal“; mehr noch: Er ermöglicht es dem Menschen, bereits in dieser Welt der Niedrigkeit die Herrlichkeit der kommenden Welt zu schmecken.

 

Man darf sich zwar nicht so auf diese Welt einlassen, dass man in ihr bereits Sinn und Ziel sieht, sie sozusagen zum Selbstzweck macht; richtet man sich aber in ihr auf das ewige Leben aus, so ist es gut und richtig, in ihr zu leben. Vorhalle ist Vorhalle, und Festsaal ist Festsaal – dies bedeutet, dass das Leben des vollkommenen Menschen zu einem Gebäude verbunden ist, das aus zwei Teilen besteht. Ein Teil ist wie der andere nötig zur Vollständigkeit des Gebäudes, und keiner wird auf den Trümmern des anderen errichtet.

 

Der Mensch gleicht einer Leiter, die auf der Erde steht und mit ihrer Spitze an den Himmel reicht (1. Mose 28, 12); seine Füße stehen auf der Erde, und auf dieser starken materiellen Grundlage wird seine geistige Welt errichtet, deren Spitze bis an den Himmel rührt.

 

Eine Stunde der Umkehr und der guten Taten in dieser Welt, sagten die Weisen, sei besser als alles Leben der kommenden Welt, weil in jenem Leben keine Möglichkeit mehr ist, den Reichtum zu vermehren, der aus den Weisungen Gottes kommt. Aber die wundervolle Freude einer einzigen Stunde in der kommenden Welt ist schöner als alle nur möglichen Vergnügungen zusammen, die man in dieser Welt erfahren kann.

 

Solche Freude ist der rechte Lohn für die Erfüllung der Gebote Gottes, denn der geistige Reichtum ist der einzige wahre Reichtum auf der Welt. „Lohn der Gebote in dieser Welt – gibt es nicht“ (Bab.Tal. Kidduschin 39 b), sagt der Talmud, es gibt in diesem Leben keinen Lohn, der dem Tun der Tora angemessen wäre. Erst in der Festfreude der kommenden Welt wird die Erfüllung sein.