Das Warschauer Getto brennt. Alle Juden wurden ermordet. Nur ein Mann hält sich noch in den Trümmern versteckt und hat beschlossen, den Tod in den Flammen zu sterben. Später findet man zwischen Steinen versteckt sein Tagebuch und dort steht folgender letzter Eintrag:
„Ich, Jossel Rackower, Sohn des Jossel Rackower von Tarnopol, ein Nacheiferer des Gerer Rabbi und Nachkomme der großen Zaddikim aus der Familie Rackower und Meisel, schreibe diese Zeilen, während das Warschauer Getto in Flammen steht, am 28. April 1943 ...“
Es folgt dann eine Schilderung des vorangegangenen Kampfes. Der Schreiber ist jetzt allein. Alle seine jüdischen Mitkämpfer sind gefallen. Das Haus, in dem er sich befindet, ist das letzte, das noch nicht brennt. Er erzählt, wie er ein Kind nach dem anderen verloren hat.
„Jetzt ist meine Stunde gekommen. Wie Hiob kann ich von mir sagen: Nackt bin ich geboren, nackt kehre ich zur Erde zurück. Ich bin jetzt 43 Jahre alt – und wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, so kann ich behaupten: ich hatte ein herrliches Leben. Mein Leben war einmal vom Glück gesegnet, aber ich wurde nie übermütig. Ich hatte ein offenes Haus für jeden Bedürftigen und ich war glücklich, wenn ich einem Menschen gefällig sein konnte. Ich habe Gott in glühender Hingabe gedient und meine einzige Bitte an IHN war, ich solle IHM dienen dürfen, mit dem ganzen Herzen, mit der ganzen Seele und mit der ganzen Kraft ...
In zwei Stunden werde ich tot sein. In zwei Stunden werde ich alles wissen. Vorerst aber lebe ich noch und will als ein Lebender zu meinem Gott sprechen wie ein einfacher, lebendiger Mensch, der den großen, aber unglückseligen Vorzug hatte, ein JUDE zu sein. Ich bin stolz, ein JUDE zu sein, weil es schwer ist, ein JUDE zu sein, sehr schwer. Ich bin glücklich, zum unglücklichsten aller Völker zu gehören, dessen Tora die höchste Moral und das schönste aller Gesetze vertritt. Ich glaube an den Gott Israels, auch wenn ER alles dazu getan, hat, mir den Glauben an IHN zu verleiden. Ich glaube an seine Gesetze, auch wenn ich seinen Taten die Berechtigung abspreche ...
Spätestens in einer Stunde werde ich mit Frau und Kindern wieder vereint sein und mit Millionen meines Volkes in einer besseren Welt, wo es keine Zweifel mehr gibt und Gott der einzige Herrscher sein wird. Ich sterbe ruhig, aber nicht befriedigt, ein Geschlagener, aber kein Verzweifelter, ein verliebter in Gott, aber kein blinder Amensager ...
Ich bin IHM nachgegangen, auch wenn ER mich von sich geschoben hat. Gelobt sei in alle Ewigkeit der Gott der Toten, der Gott der Wahrheit und des Gesetzes, der bald sein Gesicht der Welt zeigen und ihre Grundfesten mit seiner mächtigen Stimme erschüttern wird.“
Und er schließt seine Aufzeichnungen mit dem heiligsten Gebet der Juden, das in den Augenblicken höchster Gefahr und in der Sterbestunde gesprochen wird:
„Schma Jisrael Adonaj Elohenu Adonaj Echad.
- Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig und einig. -
O Herr durch deine Gnade nährst Du die Lebenden und in deiner großen Barmherzlickeit lässt Du die Toten wieder auferstehen ...
Wer ist wie Du, o barmherziger Vater und wer vermag Dir zu gleichen?“
Dies ist nur ein Auszug. Der vollständige Text befindet sich in dem Buch von
Zvi Kolitz: "Jossel Rakovers Wendung zu Gott"
Aus dem Jiddischen von Paul Badde
Phonetisch transkribiert von Arno Lustiger
Berlin Verlag Volk und Welt 1997
ISBN 3 - 353 - 01069 -6